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Kreatives Schreiben in Grenzen

Kreatives Schreiben in Grenzen. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ist kreatives Schreiben nicht immer frei? Oder besser: Sollte es nicht immer frei sein? Zerstört nicht die Grenze die Kreativität? Ich glaube nicht.

die Abneigung gegen das Schreiben in Grenzen

Von Autoren-Kollegen höre ich immer wieder, sie würden sich nicht in ihrer Kreativität einschränken lassen wollen. Sie wollen sich und ihre Geschichten nicht in Formen pressen lassen. Dahinter steht oft die Angst vor Redakteuren oder sonstigen Entscheidern, die den brillanten Geschichten der Autoren noch ihren Stempel aufdrücken oder die Story auf einen bestimmten Sendeplatz hin zurechtbiegen wollen. „Da produziere ich meine Filme lieber selbst.“ heißt es dann.

Aber das ist – meiner Erfahrung nach – meist mit mindestens ebenso vielen Einschränkungen bzw. Vorgaben verbunden. Man ist an ein bestimmtes Budget gebunden (das ist man bei anderen Produktionen zwar auch, nur hat man als selbst-produzierender Autor/Regisseur selten das Budget eines Fernsehfilms zur Verfügung). Aus einem kleinen Budget ergeben sich tausend Einschränkungen: Man ist auf seine Heimatstadt und Umgebung als Location angewiesen, kann die Darsteller nicht von sonstwo anreisen lassen, kann ein X-köpfiges Team nur Y Tage durchfüttern und kann sich nur bestimmte Technik leisten. Und schon sind die Unterwasseraufnahmen, Massenszenen und Verfolgungsjagden gestrichen. Und Jake Gyllenhaal ist auch wieder nicht dabei.

von der Einschränkung zum Kurzfilm

„Eingeschränkt“ ist man in beiden Szenarien. Gute Geschichten kann man in beiden Fällen erzählen.
Für meine Kurzfilme CLUSTERFUCK LOVE STORY und DIE VERLORENE habe ich mir beim Schreiben selbst Vorgaben gemacht. Clusterfuck sollte in einem Raum spielen und es sollten maximal 4 Schauspieler zu sehen sein. Die Verlorene sollte ein Film ohne Dialog werden.
Bei Clusterfuck sollten diese Vorgaben dafür sorgen, dass das Projekt nicht ausuferte. (Es wurde dann doch viel aufwändiger, als erwartet.) Bei Die Verlorene war es einfach ein Experiment, das ich wagen wollte.
Man könnte meinen, dass diese Vorgaben mich beim Schreiben eingeschränkt hätten. Das Gegenteil war der Fall. Wenn es einfach nur darum geht, eine Idee zu haben (was immer das bedeutet), eine Geschichte zu entwerfen, fällt mir absolut nichts ein. Ich brauche einen Haken, ein Thema, ein Dialogzeile, eine Anekdote, irgendetwas, woraus ich dann eine Geschichte spinnen kann.
Mir selbst Vorgaben zu machen, hilft mir, mit dem Schreiben anzufangen.

die Vorgabe als Befreiung

Im Studium belegte ich in einem Semester einen Filmkurs. Unser Professor bat uns in der ersten Stunde, ihm unsere Ideen für unsere Kurzfilme vorzustellen. Meine Kommilitonen und ich sahen uns nur gegenseitig an. Natürlich war in der ersten Stunde niemand vorbereitet, ein Konzept vorzustellen. Es traute sich auch niemand, eine erste Idee zu pitchen.
Unser Professor machte also eine Übung mit uns: Er nahm einen Studenten mit vor die Tür, um mit ihm die Handlung eines Kurzfilms grob festzulegen. Als sie wieder in den Raum kamen, hatten wir anderen 30 Minuten Zeit, den Studenten mit Fragen zu löchern, um dahinter zu kommen, wovon die Geschichte handelte. Die Fragen mussten mit JA oder NEIN beantwortbar sein. Nach einer halben Stunde Fragerei wollte unser Professor wissen, ob irgendjemand eine Vorstellung hatte, um was es in der Geschichte ging. Jeder hob die Hand. Jeder hatte eine Ahnung von der Geschichte des Studenten. Doch es stellte sich heraus, dass jeder auf eine andere Geschichte gekommen war. Manche Stories ähnelten sich, andere waren völlig verschieden. Einige Studenten hatten sich Notizen gemacht. Andere hatten Details übersehen, hatten Informationen, die die Fragen enthüllt hatten, übergangen.

Geschichten als Puzzle

Der Witz an der Übung war jedoch, dass es gar keine „richtige“ Geschichte gab. Der Professor hatte den Studenten vor der Tür gebeten, die Fragen zufällig mit JA oder NEIN zu beantworten und nur darauf zu achten, sich bei den Antworten möglichst nicht zu widersprechen.
Wir anderen hatten aus den Informationen, die wir erfragt hatten, unsere eigenen Geschichten gemacht.
Das Erstaunliche daran war für mich, dass selbst die Studenten eine Geschichte erfunden hatten, die vorher gesagt hatten, sie seien nicht auf „diese Weise kreativ“, sie wären mehr am visuellen Aspekt des Kurses interessiert und wollten lieber die Geschichte von jemand anderem umsetzen, weil sie sich das Schreiben nicht zutrauten.
Warum konnten selbst diese Studenten plötzlich Geschichten erfinden? Und hatten auch noch Spaß daran?

Ich glaube, das hängt mit der Aufgabenstellung zusammen: Eine Idee generieren, sich eine Geschichte ausdenken ist, was man klassisch als einen kreativen Prozess bezeichnen kann. Viele Menschen halten sich nicht für kreativ in diesem Sinne. Sie halten sich mehr für Logiker.
Mit dieser Übung sprach unser Professor genau diese Leute an. Es war nicht gefragt, „kreativ zu sein“, sondern eine Aufgabe, ein Puzzle zu lösen. Die Teile dafür fanden wir mit unseren Fragen, wir mussten sie nur noch richtig zusammensetzen.

Fragen als Storytelling-Tool

Dieses Erlebnis macht vielleicht deutlich, wie Vorgaben helfen können, Geschichten zu entwickeln.
Als ich an Clusterfuck arbeitet, ging ich ähnlich vor wie wir Studenten bei der Übung unseres Professors. Ich stellte mir Fragen, die ich mir dann selbst beantwortete. (Wobei ich darauf verzichtete, die Antworten auf JA und NEIN zu beschränken.) So fragte ich mich: Vier Leute in einem Raum. Sind sie schon da? Kommen sie gerade an? Kommen sie gemeinsam? Arbeiten sie (oder wenigstens einer) dort? Was für ein Raum ist das? Sind sie alle freiwillig dort? Bleiben sie lange? Wollen sie weg aus dem Raum?…
So näherte ich mich langsam der Geschichte, die letztendlich Clusterfuck Love Story wurde. Und: Diese Vorgabe von vier Leuten in einem Raum, gärte noch über ein Jahr in mir, bis ich daraus eine Story für einen Langfilm entwickelte. Bei Die Verlorene ging ich ähnlich vor. Ich fragte mich: Wer könnte die Hauptfigur in einem Film sein, der ohne Dialoge auskommt? Welche Menschen sprechen den ganzen Tag nicht oder nur sehr wenig? Alte Menschen kommen vielleicht als erstes in den Sinn. Aber mir gefiel die Figur des einsamen Stalkers am besten und so entstand Die Verlorene.

Das Schreiben von Drehbüchern als Puzzle zu sehen, bringt – wie ich finde – hervorragende Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit sich. Ich würde gerne einmal mit mehreren Autoren zusammen ein Buch entwickeln, bei dem jeder eine Vorgabe machen muss. Dann baut man alles gemeinsam zu einem Buch zusammen. Vielleicht entwickelt jeder eine Figur, die im Buch vorkommen muss. Oder einer entwickelt die Hauptfigur, der zweite den Handlungsort, der dritte ein Ereignis. Oder jeder bringt einen Gegenstand mit, der im Film eine entscheidende Rolle spielt.

Die Möglichkeiten sind unendlich.

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