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Eingangslektorat – aus dem Nähkästchen eines Ex-Gate-Keepers

In meiner Zeit bei der U5 Filmproduktion war ich unter anderem für das Eingangslektorat zuständig. Das heißt: alle unaufgefordert eingesendeten Stoffvorschläge landeten bei mir. Und das waren nicht gerade wenige.
Von den Einreichungen wurde ich immer wieder überrascht. Leider nicht vom Inhalt, sondern meist von der Form.
Hier die gröbsten Schnitzer, die mir als Eingangslektorin untergekommen sind und meine Tipps für all diejenigen, die ihren Stoff unaufgefordert einer Produktionsfirma schicken wollen.

To whom it may concern (doesn’t concern me!)

Besser ist es, sich im Internet oder per Telefon zu informieren, ob und wenn ja an wen man den Stoff am besten schicken sollte. Gibt es jemanden, der für das Eingangslektorat zuständig ist? Kann man es direkt an einen Producer oder Produzenten schicken?

Ganze Lebensgeschichte im Anschreiben (wann soll ich das denn lesen?!?)

Ich weiß: der Ratschlag ‚schreibe, was du kennst‘ findet sich in ach so vielen Büchern über das Schreiben. Doch selbst wenn die umfassende Nacherzählung des eigenen Fuß-Pilz-Leidens einen spitzen Film gibt, sollte man sich mit der Ausbreitung der eigenen Lebens- und Leidensgeschichte im Anschreiben zurückhalten.

‚Blinde‘ Einreichungen

Man tut sich keinen Gefallen damit, seinen Stoff blind an alle Produktionsfirmen zu schicken, die man im Telefonbuch gefunden hat. Eine Firma, die vor allem Serien fürs Fernsehen produziert, wird in der Regel kein Interesse an einem Low-Budget-Stoff für’s Kino haben. Umgekehrt wird es ein Arthouse-Stoff bei einer Fernsehproduktion vermutlich auch eher schwer haben. Darum sollte man unbedingt recherchieren, welche Firmen ähnliche Projekte produzieren wie das, das ich anbiete. Im Zweifelsfall einfach mal anrufen und nachfragen.

‚Ich habe ein tolles Drehbuch, ist aber geheim!‘

Es ist mir mehr als einmal passiert, dass ein Autor uns in einer Mail einen Stoff anbot, über den er nichts verraten wollte, ausser, dass es THE SHIT ist. Was im Kopf eines solchen Autors vor sich geht, ist mir schleierhaft. Dass eine Produktionsfirma einen Stoff kauft, von dem sie NICHTS weiß, ausser den Namen, des unveröffentlichten Autors, habe ich noch nie gehört.

Wasserzeichen auf allen Dokumenten/ Warnung: NICHT KOPIEREN!

Alles, was einen Text schwerer lesbar macht, sollte grundsätzlich vermieden werden. So auch monströse Wasserzeichen AUF JEDER VERDAMMTEN SEITE eines Drehbuches. Ich muss keine Typograph sein, um zu verstehen, dass das den Leser stört. (Und der Text ggf. gar nicht bis zum Ende gelesen wird.) Darüberhinaus ist die Warnung, NICHT KOPIEREN auf jeder Seite eines PDFs irgendwie irrsinnig.

sich nach Absage beschweren/ Feedback verlangen

Ich halte mir selbst zu Gute, dass ich jeden einzelnen Stoff, der während meiner Zeit bei der U5 eingereicht wurde, gelesen habe und zu jedem Stoff Rückmeldung an den Autor gegeben habe. Mehr als einmal habe ich es bereut.
Im Tagesgeschäft ist es nicht möglich, detailliert Feedback zu geben. Manchmal reicht die Zeit einfach nicht für mehr als eine Standardabsage. (Eine schludrige Einreichung hat weder mehr zu erwarten, noch mehr verdient.) Ich halte es für legitim, dass ein Autor nachfragt, wenn er nur eine knappe Absage bekommt. Eine Diskussion anzuzetteln, warum der eingereichte Stoff das beste ist, was je geschrieben worden ist und warum der Lektor keinen Schimmer hat, was eine gute Story ausmacht, kann und sollte man sich als Autor sparen.

‚Ist noch nicht ganz fertig, aber hier schon mal Auszüge.‘

Niemand möchte Halb-fertiges lesen. Kein Lektor möchte Fragmente oder lose Ideen-Sammlungen durchforsten und sich zusammenreimen müssen, was der Autor eigentlich erzählen will.

Eine Kurzfassung, ein Exposé, ein Drehbuch. EINE IDEE. Wenn das Exposé den Hinweis enthält: ‚Hier könnte auch dies oder jenes passieren.’ Dann ist der Stoff eventuell noch nicht reif für einen Produzenten. Genauso, wenn ich das Exposé lese und mich frage: Gehört das wirklich zu der Logline aus dem Anschreiben?

‚Ich wußte nicht so genau, was sie haben wollen, da habe ich mal alles geschickt!‘

Im Zweifel kann man bei Produktionsfirmen anrufen und nachfragen: Darf ich was schicken? Wenn ja, an wen? Und in welcher Form? Drehbuch, Treatment, Exposé? Wieviel Seiten dürfen es denn sein? An diese Ansagen sollte man sich dann auch halten.

Wer das jetzt gelesen hat und sich denkt: Das ist doch alles klar! Ja, das dachte ich auch. Doch hunderte Stoffvorschläge haben mich eines Besseren belehrt. Wer darüber nur den Kopf schütteln kann, der hat vielleicht die erste Hürde bereits genommen, wenn es darum geht, nicht im Eingangslektorat einer Produktionsfirma hängen zu bleiben.

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