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Der Vorspann (pt. 1) – Funktionen des Vorspanns

Betrachtet man sich ein gedrucktes Werk, ein Buch oder eine Zeitschrift, so gibt es immer einen Teil darin, in dem nachzulesen ist, wer dafür verantwortlich ist. Wer hat es geschrieben, wer hat es herausgegeben, wo und wann wurde es gedruckt. Bei einem greifbaren Gegenstand ist es einfach, solche Informationen unterzubringen. Aber was ist mit einem zeitbasierten Medium, wie dem Film? Wie kommt hier diese Information unter? Vor alle wenn es hüllenlos im Kinosaal oder auf dem Bildschirm erscheint?

ein filmisches Impressum

Der Vorspann ist nichts anderes, als ein filmisches Impressum. Und ebenso, wie ein Impressum, ist für die meisten Menschen ein Vorspann nicht von Belang. Die Filmtheorie lässt den Vorspann außen vor. Die Literatur darüber ist überschaubar. Dabei ist der Vorspann etwas, das – im Gegensatz zum Impressum einer Zeitschrift – jeder Rezipient betrachtet. Im Kino kommen wir zumindest nicht drum herum. Und warum sollten wir auch? Denn inzwischen hat der Vorspann viel mehr zu bieten, als nur ein paar Informationen.

In diesem dreiteiligen Artikel-Reihe möchte ich das Phänomen Vorspann etwas näher beleuchten. Der erste Blogpost liefert einen kurzen Überblick über die Funktion des Vorspanns, der zweite einen Abriss der Entwicklung im Bezug auf die Filmgeschichte. Im dritten möchte ich exemplarisch einige Titelsequenzen vorstellen und ihre Gestaltung und Wirkungsweise analysieren.

Funktionen des Vorspanns

Die Funktion des Vorspanns lässt sich sehr gut von den, in den verschiedenen Sprachen dafür verwendeten Worten ableiten. Im Deutschen beinhaltet das Wort Vorspann bzw. Abspann eine umklammernde Funktion. Vor- und Abspann bilden Anfang und Ende eines Films.
Das Wort Titelsequenz verweist auf die rechtliche Funktion. Im Sinne von Rechtstitel weist der Vorspann auf Urheber- und Verwendungsrechte hin. Aber auch die Betitelung des Films wird damit angesprochen. Das Wort Credits meint die Unterscheidung zwischen Person und Rolle, also dem Außen und Innen des Films. Das französische Wort Générique leitet sich von Genre ab und deutet damit eine inhaltliche Zuordnung an.

Information

Der Vorspann ist also zum einen Dokumentation der Entstehung des Films selbst. Hier ist zu sehen, wer für welchen Teil des Films verantwortlich ist, wem der Film gehört, auf welche Quellen er zurückgeht, wie er heißt.
Zum anderen stellt er mit seiner Randstellung eine Abgrenzung dar. Hier beginnt der Film und hier ist er wieder zu Ende. Dazu ist zu sagen, dass auch der Vorspann einen Anfang und der Abspann ein Ende hat. So wie der Vorspann in den Film einleitet, leitet das Logo des Filmstudios in den Vorspann ein. Und jeder weiß, dass die Rolltitel das endgültige Ende des Abspanns darstellen.

und Stimmung

Zudem hat der Vorspann heute noch eine weitere Funktion: er führt den Zuschauer in den Film hinein. Der Vorspann soll den Zuschauer im Kino dazu bringen sich nur noch auf die Leinwand zu konzentrieren und dabei zu vergessen, dass der Sitznachbar noch Popcorn isst und eine Reihe weiter hinten geredet wird. Dies kann auf verschiedene Arten geschehen. Zum einen durch reine Aufmerksamkeitslenkung. Vor allem im amerikanischen Actionkino wird der Zuschauer zum Beginn des Films oft  durch ein visuelles Feuerwerk gefesselt. Dies kann in Form von Live-Action- Sequenzen oder durch aufregende Animationen jeder Art geschehen.

Eine speziellere Variante ist das Erzeugen einer Stimmung. Der Vorspann nimmt in häufig abstrakten Bildern die Stimmung oder gar die Handlung des Films vorweg.

Für die Gestaltung stellt diese Teilung der Funktion eine große Herausforderung dar. Zum einen sollen dem Zuschauer die Informationen über die Produktionsbedingung vermittelt werden (außen), zum anderen soll der Zuschauer von der Außenwelt des Kinosaals und der eigenen Realität in das Universum des Films (innen) geleitet werden.

Oft wird behauptet, dass eine der beiden Funktionen zurückstecken müsste, um die andere zu erfüllen.

Die beispielhaften Titelsequenzen im dritten Teil dieser Blogpost-Reihe werden zeigen, dass beide Funktionen sich nicht zwangsläufig ausschließen oder behindern. Allerdings ist in der jüngeren Vergangenheit zu beobachten, dass die Funktion der Überleitung häufig bevorzugt wird, immer häufiger wird die Lesbarkeit der Credits zugunsten stimmungsvoller Bilder vernachlässigt.

Vorspann-Gestaltung

Die Gestaltung eines Vorspanns findet auf drei Ebenen statt, die im Weiteren unterteilt werden können:

1. Das Bild.

Dies können Standbilder, Animationen, Live-Action Aufnahmen, Grafiken sein, wobei in jedem Fall weiter zu unterscheiden ist, ob es sich um konkrete oder abstrakte Bilder handelt. Häufig werden mehrere Arten der Bilder miteinander vermischt. Beispielweise werden Live-Action Aufnahmen angehalten und dieses Standbild mit einer Grafik versehen.

Im so genannten Grunge-Design ist es üblich mehrere Bildebenen übereinander zu legen oder wie eine Collage nebeneinander zu platzieren. Zudem lässt sich – erleichtert durch digitale Arbeitsmethoden – die Zeit beliebig beeinflussen. Live-Action Aufnahmen müssen nicht in 100 % Geschwindigkeit gezeigt werden, in einer Einstellung kann man die Geschwindigkeit verringern oder erhöhen oder die Aufnahmen laufen rückwärts ab. Auch hier hat die Grunge-Design-Welle, ausgelöst von Kyle Cooper mit dem Vorspann zu SE7EN, Vorarbeit für experimentelle Schnitt-Techniken geleistet, bei denen beispielsweise Zeitsprünge zurück stattfinden, in sehr kurzen Frequenzen, so dass der Zuschauer Sekunden, manchmal nur Bruchteile von Sekunden mehrfach sieht. Diese Technik ist in Horrorfilmen, vor allem in Asien sehr verbreitet.

Auch das Verfälschen von Bildern ist möglich. Ob nun Verfärbungen, Filter, Kratzer oder Effekte, wie zum Beispiel das Verlangsamen eines Films am Ende der Rolle und die damit verbundene Überbelichtung finden Verwendung.

2. Der Ton.

Hierbei ist Sprache, Geräusche und Musik gemeint. Dabei ist jeweils zu unterscheiden, ob es sich bei dem Ton um diegetischen oder extradiegetischen Ton handelt, ob die Quelle des Tons also in der Filmhandlung zu finden ist oder eben nicht. Auch für den Ton gilt das gleiche, wie für das Bild: der Verfremdung und Verzerrung sind keine Grenzen gesetzt.

3. Die Schrift.

In den Anfangsjahren des Films noch mühevoll mit Hand auf Karton gemalt, lässt sich heute, ebenfalls durch die Digitaltechnik, Schrift mit wenigen Handgriffen erstellen, positionieren und beliebig manipulieren. Dabei stehen dem Titeldesigner die gleichen Mittel offen, wie jedem Plakatgestalter auch. Darüber hinaus kann Schrift animiert werden, erscheinen und verschwinden, sich verzerren oder nicht.

Der Vorspann zu THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO ist an sich schon visuell aufregend. Doch gelingt es dem Betrachter, die Aufmerksamkeit von den Bildern weg und zur Schrift hin zu lenken, wird hier die Mühe und Freude am Detail deutlich, die in diesen Vorspann geflossen ist.
Die Laufweite wird verringert, die Buchstaben rücken also näher zusammen. Gleichzeitig ‚wachsen‘ einige Striche der Buchstaben.

Im Vorspann zu THE SIXTH SENSE wird der Filmtitel in weißen Buchstaben auf schwarzem Grund gezeigt und nur durch das langsame erhöhen der Laufweite eine Stimmung erzeugt, die den Zuschauer auf den Grusel einstimmt, der im Weiteren folgt.
Seit einigen Jahren werden vermehrt Titel direkt in die Live-Action Aufnahmen integriert. Dies kann in Form hineinmontierter digitaler Schrift sein, wie beispielsweise bei PANIC ROOM. Oder die Schrift kann tatsächlich auf Gegenstände, Wände oder Schilder in den Aufnahmen geschrieben sein. In der Kurzfilm-Sammlung TUBE TALES, wurden die Credits so geschickt auf der Ausstattung und in den Kulissen untergebracht, dass man die Filme hintereinander anschauen kann, ähnlich einem Episodenfilm, ohne dass das Filmvergnügen durch die Titelsequenzen unterbrochen würde.

ungenutzte Möglichkeiten

Betrachtet man die Möglichkeiten, die jede einzelne dieser drei Ebenen bietet, wird schnell klar, wie groß der Gestaltungsspielraum beim Title-Design ist.
Umso bedauerlicher, dass erfolgreiche Titeldesigns immer und immer wieder kopiert werden, anstatt dass Neues probiert wird.

Obwohl man im Deutschen vom Vorspann spricht, ist es doch schon lange nicht mehr zwingend, dass der Vorspann tatsächlich vor dem Film beginnt.
Spätestens mit der James Bond Reihe haben sich eingeschobene Titelsequenzen etabliert. Dabei wird ein Stück des Films, der häufig die Vorgeschichte der Filmhandlung erzählt, vor dem Vorspann gezeigt. Bei den Bond Filmen wird der Zuschauer auf die erwartete Action durch spektakuläre Aufnahmen eingestimmt, um ihn dann mit dem Vorspann wieder etwas zu beruhigen.

In der amerikanischen Cop-Fernsehserie THE SHIELD, deren Titel nur aus weißer Schrift auf schwarzem Grund bestehen, ist der Vorspann ebenfalls in die jeweilige Episoden integriert. Allerdings bekommt man hier die Titelkarten nicht alle hintereinander zu sehen.
Jede Episode beginnt mit einem Polizeieinsatz, dessen Aufnahmen immer wieder durch die schwarzen Titelkarten unterbrochen wird. Der Ton ist durchgehend zu hören, so dass die Spannung gesteigert wird, wenn der Zuschauer eine Titelkarte sieht, und dazu beispielsweise hört, wie eine Tür eingetreten wird oder Schüsse fallen.
THE SHIELD hat eine sehr einfache Titelgestaltung und trotzdem ist es den Machern gelungen einen Vorspann zu kreieren, der in jeder Folge neu ist, sehr kostengünstig produziert werden kann und dabei den Zuschauer ab dem ersten Moment in die jeweilige Folge hineinzieht.

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