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Der Vorspann (pt. 2) – Entwicklung des Vorspanns

Im ersten Artikel dieser dreiteiligen Reihe habe ich bereits einen kurzen Abriss über die Funktionen des Vorspanns besprochen. Hier im zweiten Teil der Reihe soll es nun um die Entwicklung des Vorspanns gehen. Also darum, wie aus simplen Titelkarten, die mit weißer Farbe auf schwarzen Grund gemalt waren, die aufwändigen Titelsequenzen von heute wurden. Und warum.

Entwicklung des Vorspanns

Da der Vorspann einen Teil des Films darstellt, ist seine Entwicklung eng an die des Films geknüpft, beginnt aber etwas später. Die ersten Filme fanden auf Jahrmärkten ihr Publikum und verzichteten auf Filmtitel. Doch um die Eigentumsrechte an seinen Werken deutlich zu machen, fügte Thomas Edison bereits 1896 seinen Filmen einen Vorspann hinzu. Dieser bestand aus Tafeln mit Filmtitel, dem Namen seiner Firma und einem Copyrighthinweis.
Doch weil der Vorspann eben nur ein Vorspann war, der sich gegebenenfalls von einem Raubkopierer abschneiden und ersetzen ließ, gab es allerlei Versuche der Filmpioniere ihr Eigentum zu kennzeichnen. Beispielsweise in dem das Firmenlogo dauernd im Film zu sehen war: in Form von Verzierungen auf sämtlichen Ausstattungsgegenständen.

Titelkarten für den Cast

Die Nennung von Darstellern im Vorspann geht ebenfalls auf Thomas Edison und das Jahr 1911 zurück. Bis dahin blieben die Darsteller anonym. Manche trugen den Markennamen ihrer Arbeitgeber z.B. als „Biograph- Girl“. Bei seinem Film AIDA von 1911 fügte Edison erstmals die Namen der Darsteller dem Vorspann hinzu. Wenig später erweiterte er den Vorspann um eine Tafel für den Drehbuchautor. Edison erhoffte sich dadurch, bekannte Autoren für seine Projekte gewinnen zu können.

In dieser Zeit war es durchaus üblich, den Vorspann nicht ausschließlich typografisch zu gestalten. Neben dem Namen der erwähnten Person war oft ein repräsentatives Bild zu sehen: Darsteller in ihrem Kostüm, in einer dramatischen Pose; der Regisseur in seinem Stuhl, bei einer Probe hinter der Kamera. Diese Vorgehensweise setzt sich aber nicht durch und verschwand bald zu Gunsten einer rein typografischen Gestaltung der Titel.

Erfindung der Zwischentitel

Durch die Etablierung des Stummfilms zu einer wichtigen Unterhaltungsform, wurden die verfilmten Geschichten länger und kamen schon bald nicht mehr ohne Dialoge aus: die Zwischentitel wurden geboren.

Weil der von den Darstellern gesprochene Text zwar mit aufgezeichnet, aber nicht synchron zum Bild abgespielt werden konnte, wurden Titelkarten mit dem Dialog eingeblendet. Durch diese gesteigerte Nachfrage an Titelkarten entwickelte sich langsam ein Bewusstsein für deren Gestaltung. Anfangs waren auch die Zwischentitelkarten meist rein typografisch. Doch bald wurden die weißen Lettern auf schwarzer Pappe mit aufwändigen Illustrationen und Rahmen versehen. Schließlich ersetzte man den Karton vermehrt durch Tapete oder Stoff.

1932 kam der erste Tonfilm in die Kinos. Die Titelsequenzen wurden länger, weil nun Komponisten und Interpreten der Filmmusik neben Filmtitel, Besetzung, Regisseur und Autor genannt werden mussten. Hollywood wurde zum Nabel der Filmwelt, die goldene Ära brach an. Einige wenige, dafür aber umso größere Filmstudios teilten den Markt unter sich auf. Das war das so genannte Studiosystem. Die Filmstudios produzierten nicht nur die Filme, sondern führten sie auch in ihren eigenen Kinoketten vor.

Filme am Fließband

Filme wurden nun wie in Fabriken produziert. Die Studios beschäftigten unter anderem Autoren, Regisseure, Techniker und Darsteller als feste Mitarbeiter. Der kommerzielle Erfolg war das Wichtigste. Die Mitarbeiter hatten keinerlei Freiheiten über die kreativen Entscheidungen. Künstlerische Fragen entschied der Produzent.
So wurden sehr schnell Studio-Stile sichtbar. Auch für die Titelgestaltung hatte jedes Studio festangestellte ‘Lettering Artists’, die genaue Vorgaben erhielten wie die Titel zu gestalten waren. Dabei wurden sie meist nur über das Genre des Films informiert.

Erst Title-Design-Firmen boten ihre Dienste an. In den 30er Jahren machte sich Pacific Title einen Namen als Titeldesign Firma. Pacific Title spezialisierte sich auf die Produktion von Titelkarten, die per Hand auf Papier entworfen. Nach der Abnahme durch die Studiobosse wurden sie ebenfalls per Hand auf Glasplatten übertragen. Der Vorteil der Glasplatten, im Vergleich zu den sonst häufig verwendeten schwarzen Kartons lag auf der Hand: Zum einen ließen sich so Hintergründe hinter die Schrift legen und fotografieren.
Zum anderen ließen sich Fehler schnell korrigieren in dem man die Farbe vom Glas kratzte und übermalte.

Pacific Title entwickelten eine Fülle von Möglichkeiten die Titel zu gestalten. So verwendeten die Designer viel Farbe, um der aufgemalten Schrift Struktur zu geben und sie dreidimensional wirken zu lassen. Oft wurden auf die Rückseite der Glasplatte Schatten gemalt und die Karten mit aufwändigen Verzierungen versehen. Leider sind von den originalen Glasplatten nicht viele erhalten. Gingen in einer Werkstatt die Platten aus, ging man ins Archiv, nahm einige alte Platten, kratze die Farbe ab und malte einen neuen Titel darauf.

Bis zum Anfang der 50er Jahre war die Erwähnung in der Titelsequenz den Regisseuren, Darstellern und Autoren vorbehalten. Durch die Gründung von Innungen und Gewerkschaften gelangten bald auch technische Berufsgruppen zu mehr Einfluss. Sie setzten durch, ebenfalls in den Titelsequenzen erwähnt zu werden.

Durch die immer weiter um sich greifende Aufwertung des technischen Personals und der Erhebung mancher technischer zu künstlerischen Berufen (darunter Kameramänner und Titeldesigner) wurden die Titelsequenzen gezwungenermaßen länger und länger.

Zerfall des Studio-Systems

1948 wurde zudem das Studiosystem im so genannten Paramount Case zerschlagen. Die Filmstudios mussten sich von ihren Kinoketten trennen. Das Fernsehen wurde zur ernstzunehmenden Konkurrenz. Die Filmindustrie orientierte sich neu.

Anstatt von der Produktion bis zur Distribution alle Schritte der Filmproduktion in der Hand zu haben, konzentrierten sich die Studios nur noch auf den Vertrieb und um die Finanzierung von Filmen. Die Produktion lag nun in den Händen kleinerer Firmen, die jedes Projekt mit einem neuen Team produzierten, es also keine Festanstellung mehr für Regisseure, Autoren oder Kameraleute gab.

Diese Entwicklung führte dazu, dass eine Nennung in der Titelsequenz nun wichtig für die eigene Karriere war. Um die Forderungen möglichst aller Berufsgruppen zu befriedigen, wurde eine Regelung gefunden, die die Reihenfolge der Nennungen festlegte. Diese Regelung sah vor, dass der Filmtitel als erstes genannt wurde, gefolgt von den Schauspielern in absteigender Wichtigkeit, dann die technischen Mitarbeiter in aufsteigender Wichtigkeit und als letztes der Regisseur. In welcher Reihenfolge die Schauspieler genannt wurden und in welcher Größe im Verhältnis zum Filmtitel ihre Namen zu sehen waren, wurde zu einem derartigen Streitthema, dass es einen eigenen Berufszweig schuf: Agenten, die sich mit der Verhandlung der so genannten Billing Sheets beschäftigten, in denen festgelegt wurde, welcher Name vor welchem Namen in welcher Größe in der Titelsequenz erschien.
Diese Billing Scheets beeinflussten direkt das Design der Titelsequenzen und führten in manchen Fällen dazu, dass eine schöne Vorspanngestaltung unmöglich wurde.

auf die Größe kommt es an

Für den Film GIANT von 1956 handelten die drei Stars Elisabeth Taylor, Rock Hudson und James Dean jeweils aus, dass ihr Name in der gleichen Größe wie der Filmtitel direkt nach dem Filmtitel erscheinen sollte. Der Titeldesigner, der damit beauftragt war den Vorspann zu entwerfen, stand vor einer unlösbaren Aufgabe. Das kurze Wort GIANT so sehr zu verkleinern, dass die Namen der drei Stars in der gleichen Größe gemeinsam auf die zweite Titelkarte passten, machte gestalterisch keinen Sinn. Es musste neu verhandelt werden. Man einigte sich darauf, dass die Vornamen viel kleiner und die Nachnamen etwas kleiner als der Filmtitel sein durften. Auf den Anspruch auf die erste Karte nach dem Filmtitel verzichtete niemand.

Die aufkommende Macht der Gewerkschaften und der Zusammenbruch des Studiosystems bewirkten, dass die Titelsequenzen immer länger wurden. Bald wurde der Ruf nach einer unterhaltsameren Gestaltung der Titelsequenzen laut. Denn das Publikum war nicht bereit, die ersten Minuten des Kinoerlebnisses mit dem Lesen und der Verarbeitung von Informationen zu verbringen.

So entstanden Mitte der 50er Jahre endlich die ersten konzeptionellen Titelsequenzen. Der bis dahin im Vordergrund stehende informative Charakter trat in den Hintergrund. Die Titelsequenz wurde zur eigenen Kunstform, zum Film im Film. Sie etablierte nun nicht mehr nur das Genre des Films sondern nahm die Stimmung des Films und manchmal sogar die Handlung vorweg.

Saul Bass

Saul Bass wird oft als der Vater des Titeldesigns, wie wir es heute kennen, gefeiert. Als Grafiker gestaltete er für viele Filme Poster, bis ihn der Regisseur Otto Preminger für dessen Film CARMEN JONES (1954) engagierte. Bass sollte für diesen Film erstmals nicht nur das Marketingkonzept, sondern auch den Vorspann gestalten. Er hatte die Idee, den Film auf ein Symbol zu komprimieren: eine Rose. Diese tauchte in einfacher grafischer Gestaltung sowohl auf den Filmplakaten, als auch im Vorspann auf.

Etwas Ähnliches machte Bass nur ein Jahr später für den Film THE MAN WITH THE GOLDEN ARM ebenfalls für Preminger. Hier war es nicht eine Rose, sondern ein merkwürdig verformter Arm. Die Symbole fungierten für Premingers Filme wie Markenzeichen und zogen große Aufmerksamkeit auf sich.

Neben weiteren Filmen für Premingen gestaltet Bass unter anderem auch für Alfred Hitchcock VERTIGO (1958), NORTH BY NORTHWEST (1959) und PSYCHO (1960). Alle drei Titelsequenzen sind in sich geschlossene Kurzfilme innerhalb des Films und brachten Bass den Ruf als den Meister des Titeldesigns ein.

Titel-Design als Kunstform

Ab Mitte der 50er Jahre entstand ein Boom von Titelsequenzen. Das aufkommende Selbstbewusstsein der Titeldesigner als Künstler führt zu einer großen Welle an Experimenten. Bald wurde Musik als wichtiges Element des Vorspanns entdeckt, die Titelsequenzen wurden zu visuellen Overtüren, die teilweise sogar den Film in den Schatten stellten.

So schuf Maurice Binder für THE GRASS IS GREENER (1960) eine viel gelobte Titelsequenz, mit der der Film nicht mithalten konnte. Nur zwei Jahre später gestaltete er den Vorspann zu DR. NO. Er war es auch, der den Blick durch den Lauf einer Pistole als Markenzeichen für die Bond-Reihe entwickelt.

eine Frage des Geldes

In der Mitte der 60er Jahre hatte sich der Vorspann als fester Bestandteil des Films etabliert. Dementsprechend schwand das Interesse des Publikums am Vorspann. Um dem Entgegenzuwirken wurden aufwändigere Titel produziert. Die Kosten für die Titelsequenzen waren bald nicht mehr tragbar. Verstärkt durch die wirtschaftliche Rezession der 70er Jahre besann man sich auf einfache Vorspanngestaltung zurück. Auch weil durch die Entwicklung des Farbfernsehens immer häufiger Filme nicht nur im Kino gezeigt wurden. Die kleinen Fernsehschirme mit geringer Auflösung machten eine Simplifizierung der Titel notwendig. Die Vorspanne wurden nun in der Regel aus Live-Action Aufnahmen geschnitten, die beim Filmdreh gleich mit produziert wurden, darüber blendete man die Schrift.

Die weitere Entwicklung des Vorspanns ist eng an die technischen Entwicklungen des Mediums geknüpft. Die Computertechnik verhalf dem Vorspann in den 80er Jahren wieder zu einem Aufschwung. Seit dem dient der Vorspann, wie auch das Musikvideo, als Versuchslabor für neue Techniken und Stile. Schnitt-Techniken, Kamerafilter oder Tonsprünge: bevor es in einem Spielfilm vorkam, wurde es dutzendfach in Titelsequenzen getestet. Die Titeldesigner hatten immer häufiger freie Hand bei der Gestaltung. Der Vorspann wurde zum Testfeld und die Titeldesigner mehr und mehr zu Experimentalfilmregisseuren.

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