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Was macht der kleine Mann denn da? – der innere Kritiker

Er ist klein. 20 Zentimeter vielleicht und etwas dicklich. Sein Hemd steckt in seiner Hose, den Bauch hat er leicht nach vorne geschoben, die Hände stets hinter dem Rücken verschränkt. Um seinen Kopf liegt ein Ring aus Haaren, ansonsten ist er kahl. Für sein Gewicht hat er erstaunlich schmale Füße. Seine Schuspitzen lugen unter seiner Hose nur ein kleines Stücklein hervor. Er hat keinen Namen, jedenfalls nicht soweit ich weiß, doch er hat eine Aufgabe: er ist mein innerer Kritiker.

Dieses Aussehen bekam er vor vielen Jahren, als die gestaltlose Stimme in meinem Kopf meinen Alltag überschattetet. So konnte es damals, mitten in meinem Studium, nicht weitergehen. Darum bekam die Stimme einen Körper und ein Gesicht.

Er ist der Kritiker, der Zweifler. Schon bevor ich etwas angefangen habe, kennt er eintausend Gründe dagegen. Wage ich es trotzdem und klappt es sogar, wendet er sich ab und sagt: ‘Da hast du diesmal halt Glück gehabt.’
Er ist auch der, der mich auf die dreckigen Fenster und den Berg Schmutzwäsche aufmerksam macht, wenn ich mich an den Schreibtisch setze, um an einem Stoff zu feilen.

Er war derjenige, der mir gesagt hat, es sei zu viel Arbeit, einen Blog zu starten; ich würde mich nur unglücklich machen,

Seit er eine Gestalt hat, habe ich einiges über ihn gelernt, unser Verhältnis hat sich verändert. Er macht mir keine Angst mehr. (Wie gesagt: Er ist 20 Zentimeter groß, wenn überhaupt.) Und er ist nicht immer zugegen. Ab einem bestimmten Punkt in jedem Projekt schnaubt er beleidigt und kehrt mir den Rücken: ‘Dann mach’ doch, wenn ich dich nicht aufhalten kann.’ Will er mir sagen.

Das Wichtigste aber ist, dass er mir nichts Böses will. Er schreit so laut, um mich zu warnen und mich zu bewahren vor der Niederlage, der Enttäuschung. Manchmal nur vor dem Risiko davor.

Es hat lange gedauert. Doch inzwischen sind wir Freunde geworden, der kleine Mann und ich. Und gerade habe ich den Eindruck, dass er für 2017 eine Auszeit genommen hat. Wohin es ihn verschlagen hat, kann ich nicht sagen. Aber ich bin gespannt, was er zu sagen hat, wenn er zurückkommt.

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