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nein danke, ich nehme kein Trinkgeld

nein danke, ich nehme kein Trinkgeld Posted on 5. Januar 2018
Eigentlich Diplom-Designerin, jedoch im Haut und Haaren und seit Jahren Autorin und Filmemacherin.

Als Freelancer ist man immer auf der Suche nach gut bezahlten Jobs. Doch vor allem am Anfang ist das nicht so einfach. Unter Grafikern, aber auch bei Filmleuten, wird immer wieder nachgefragt, ob sie nicht für wenig arbeiten würden – für ein Trinkgeld sozusagen. Ihr wisst schon – für’s Portfolio.

Nur weil man beruflich etwas macht, was einem Spaß bringt, heißt das nicht, dass man es ohne Bezahlung tun will. Das ist mal klar. Doch obwohl jeder Freelancer irgendwie seine Miete bezahlen und sich – wenigstens ab und zu mal was zum Essen leisten muss, spürt man doch bei vielen eine gewisse Scheu, angemessene Preise für die eigenen Dienste abzurufen. Ich will jetzt nicht nur die Frauen anschauen. Doch wir Ladies sind für Discounts und Freundschaftspreise besonders anfällig. Dabei kosten unsere Wohnungen und Brötchen genausoviel, wie die der Jungs.

Ich bin auf jeden Fall für faire Bezahlung von Freelancern. Doch ich muss zugeben, dass auch ich mich oft – zu oft – habe breit schlagen lassen, für wenig Geld zu arbeiten.

Vor einigen Wochen hatte ich genau darüber ein Gespräch mit einer befreundeten Illustratorin. Sie sagte mir ganz klar: Entweder sie arbeitet für einen fairen Preis oder für umme.

Wie jetzt? Nichts dazwischen?

‘Nein!’ sagte sie. Entweder der Kunde kann es sich leisten, sie angemessen zu bezahlen oder das Projekt ist so toll, dass sie es auch für umsonst macht.

Im ersten Moment konnte ich mich damit nicht anfreunden. Warum nicht das tolle Projekt machen und trotzdem Geld dafür bekommen? Auch wenn es dann eben nur Trinkgeld ist?

Da fiel mir die Hochzeit ein, die ich kurz zuvor geschnitten hatte. Ich hatte das Material nicht gedreht, sondern sollte es nur schneiden. Es war vom Aufwand her überschaubar. Doch die frisch Vermählten ‘konnten’ sich für ihren Hochzeitsfilm nicht mehr als 400 Euro leisten.

400 Euro für einen Drehtag mit Anfahrt und Equipment, zwei Schnitttage inklusive Schnittplatz und die Gestaltung und Produktion einer DVD kann man nicht Gage nennen. Das ist wirklich nur ein Trinkgeld. Aber immerhin etwas. Oder?

Die Kunden waren nicht schwierig. Auf keinen Fall. Zur ersten Schnittfassung hatten sie ein paar kleine Änderungswünsche. Dann sollte nochmal neue Musik auf die Clips. Dann noch ein paar kleine Änderungen. Fertig.

Doch die drei Clips, die dabei entstanden sind, sind auf keinen Fall etwas, das ich mir ins Showreel schneiden würde oder als Referenz auf meine Webseite packe. (Ihr braucht also nicht danach zu suchen.) Es sind solide Clips geworden. Schön anzusehen für diejenigen, die dabei waren. Das Paar war ganz gerührt.

Wenn ich es hätte aussuchen können, hätte ich einen Clip daraus gemacht. Nicht drei. Einen Film. Ich hätte andere Musik gewählt. Natürlich! Nicht irgendwelche schmalzigen Pop-Hits, sondern etwas, das man unter CC-Lizenzen frei im Internet verbreiten kann. Ich hätte im Schnitt mehr gewagt und auch an der Farbe noch einiges gemacht. So wäre ein Hochzeitsfilm entstanden, der zwar nicht der Norm entspricht, den ich aber auch gerne als Referenz gezeigt hätte.

Doch so zu arbeiten war einfach nicht möglich, denn 400 Euro (ein Trinkgeld!!!) reichen völlig aus, um aus einem Gefallen, einen Auftrag zu machen. So entsteht was der Auftraggeber will, nicht was dem Freelancer gefällt. Also auch nichts für’s Portfolio.