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es ist nur ein Haus – Erinnerungen no. 1

es ist nur ein Haus – Erinnerungen no. 1 Posted on 24. Januar 2018
Eigentlich Diplom-Designerin, jedoch im Haut und Haaren und seit Jahren Autorin und Filmemacherin.

Es ist nur ein Haus, bete ich mir vor. Es ist nur ein Haus, das verkauft werden soll. Und nun werde ich es den beiden zeigen.
Als wir die Straße nach oben gehen wird mir doch ganz anders. Der Schlüssel gleitet ins Schloss, als wäre es neu. Nicht, als wäre es seit 20 Jahren nicht benutzt worden.

Die Tür schwingt auf und der muffige Geruch von Keller schlägt mir entgegen. Wir könnten den Kachelofen anheizen, denke ich, sage aber nichts. Denn wir wollen nicht ewig bleiben. Die beiden wollen das Haus ansehen, um zu entscheiden, ob sie es kaufen wollen.

Seit einer Stunde, seit wir in Frankfurt losgefahren sind, rede ich von dem Haus. Eigentlich um es den beiden schmackhaft zu machen. Mein Vater will es loswerden. Es hat einen festen Platz in seinen Gedanken. Ein unvollendetes Projekt. Er wird das Haus nicht sanieren, wird den Garten nicht neu bepflanzen. Dafür hat er weder Kraft noch Zeit. Doch das Haus soll nicht völlig zusammenfallen. Und lange wird es nicht mehr sein bis dahin. Also soll es verkauft werden.
Vielleicht an eine junge Familie aus der Stadt, die am Wochenende und in den Ferien raus wollen. Einfach raus aus dem Mief und dem Lärm. Raus in die Ruhe.

Wir gehen durch das Zimmer nach draußen in den Hof. Über mir hängen noch ein paar morsche Balken. Früher rankte hier wilder Wein. Jetzt ist die Hälfte der Balken herunter gebrochen.

25 Jahre früher sehe ich meinen Vater dort oben herumklettern mit einer Gartenschere in der Hand. Ich höre meine Mutter ihn ermahnen, er solle nicht herunterfallen. Er schneidet von den Trauben ab. Die, die am meisten Sonne abbekommen haben, die am süßesten sind. Ich mag die Trauben nicht. Auch die süßesten sind noch zu sauer und Kerne haben sie auch. Was ich lieber will als Trauben, ist selbst auf den Balken herumzuklettern, die nun morsch sind. Oder bereits herunter gebrochen.

Wir gehen die Treppen in den Garten hinauf und ich wundere mich. Mußte ich nicht früher die Füße viel weiter heben, um hier hinaufzusteigen? Alles kommt mir auf einmal kleiner vor. Klein.
Meine Schwestern und ich haben hier gespielt. Jedes Wochenende. In diesem Garten, der mir vorkam, als sei er eine halbe Unendlichkeit groß. Eine Wiese, noch eine Wiese, dann die große Tanne.

Als ich 25 Jahre zuvor an der Tanne vorbeirenne schlagen mir die untersten Äste gegen die nackten Beine. Die Nadeln kratzen an meiner Haut. Ein Sprung und ich stehe auf dem Steg, der über den Teich führt. Einmal ist der Nachbarsjunge hineingesprungen, weil er Feuerwehrmann sein wollte. Was das eine mit dem anderen zu tun hat begreife ich auch jetzt nicht, da ich wieder daran denke. Es spielt auch keine Rolle mehr, denn den Nachbarsjungen gibt es nicht mehr. Vielleicht ist er jetzt der Nachbar und hat selbst einen Jungen, vielleicht ist er in die Stadt gezogen. Vielleicht hat er sich aufgehängt wie sein Vater. Auch die Tanne gibt es nicht mehr und auch nicht den Teich.

nur ein Haus von aussenWenn die beiden das Haus kaufen, legen sie vielleicht einen neuen Teich an. Vielleicht kommen dann wieder Frösche und laichen darin. Sicher werden sich auch wieder Wasserläufer einfinden. Ich lasse einen Kiesel neben dem Wasserläufer in den Teich fallen. Eine kleine Welle trägt ihn ein Stückchen weiter. Dann läuft er los zu seinem Freund, der etwas weiter steht. Einfach nur auf dem Wasser steht. So leicht wäre ich auch gerne, denke ich, so leicht, dass ich auf dem Wasser stehen kann. Doch so leicht bin ich nicht. Und 30 Jahre später gibt es nicht einmal mehr den Teich.

Ich zeige den beiden den Rest des Gartens und dann das alte Bauernhaus. Mein Vater sagt, das beste wäre, es abzureißen. Doch es ist sehr schön. Eines der ältesten Häuser im Ort.

Das Bauernhaus ist mit einem Vorhängeschloss versehen. Den Schlüssel dazu kann mein Vater nirgends finden. Er meint, er hätte ihn vielleicht mit dem Staubsauger weggesaugt. Genau weiß er es nicht.
Neben der Tür hängt eine Axt. So brechen wir das Schloss auf. Im Bauernhaus ist es dunkel. Die Decken sind niedrig. Niedriger, als in meiner Erinnerung. Die Balken hängen durch.
Geradeaus geht es in die Küche. Dort steht ein Herd. Ein ganz alter, der mit Feuer betrieben wird. Ein schönes Gerät. Weiß ist es und sieht aus, als hätte noch nie jemand darauf gekocht. Im anderen Zimmer liegt Werkzeug auf dem Boden, der Putz bröselt von den Wänden. Ein paar schöne Möbel stehen noch hier. Eine Kommode. Zwei Nachtschränkchen.

Eine schmale Treppe führt ins Obergeschoss. Ich weiß genau wie es klingt, wenn drei Mädchen diese Treppe herunterstürzen, weil sie Milchreis riechen. Doch 30 Jahre später ist sie stumm.

Im oberen Stockwerk ist die Decke in einem Zimmer teilweise eingebrochen. Man kann in den Schweinestall herüber schauen.
Im anderen Zimmer steht ein kleiner Holzofen. Als ich 5 bin liege ich wach in diesem Zimmer. Ich bin aufgewacht, weil mir kalt ist. Mühsam schäle ich mich aus meiner Decke, schlurfe zum Ofen, lege Holz nach. Ich schaue in den Schlund, in dem es orange knistert. Ich mag Feuer. Es wärmt meine Wangen, es knackt. Dann lege ich mich wieder schlafen, während sich neue Wärme um mich ausbreitet.

Griff aus HolzWir gehen auch noch in den Schweinestall. Mein Sandspielzeug liegt noch da.
30 Jahre zuvor regnet es hier in Strömen. Doch ich will im Sand spielen. Also nehme ich mein Sandspielzeug und gehe damit in den Schweinestall. Dort ist der Boden weich, dort kann man graben. Schweine gibt es schon lange nicht mehr. Ich buddle und buddle. Bis ich auf etwas Hartes stoße. Ein Schatz. Davon habe ich schon immer geträumt. Alle 6 lange Jahre meines Lebens.
Ich grabe meinen Schatz ganz aus. Es ist ein Bajonett zum Aufstecken auf ein Gewehr. Es ist außen völlig verrostet. Ich zeige es meinem Vater. Er zieht die Klinge heraus, die glänzt und die noch scharf ist.

Jetzt beginnt es zu nieseln. Die Holzbalken, die im Garten als Weg liegen, sind glitschig. Es sind Balken aus einem Bahndamm. Wo mein Vater sie her hat, weiß ich nicht mehr. Jetzt sind sie morsch und glitschig und grün. Die beiden sehen ganz selig aus. Was man alles aus dem Haus machen könnte, denken sie wohl. Und das gleich denke ich. Was man daraus alles machen könnte, aus diesem Haus, aus diesem Garten, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Meine Tochter könnte hier spielen und im Schweinestall graben. Sie könnte hier Kaulquappen beobachten und Kieselsteine nach Wasserläufern schmeißen. Sie könnte hier glücklich sein. Und ich vielleicht auch.