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im Norden – Erinnerungen no. 2

im Norden – Erinnerungen no. 2 Posted on 7. Februar 2018
Eigentlich Diplom-Designerin, jedoch im Haut und Haaren und seit Jahren Autorin und Filmemacherin.

Ich weiß, dass der Weg lang ist. Das Wetter könnte nicht besser sein und ich will den Leuchtturm sehen. Ich muss ans Meer.

In wenigen Minuten bin ich aus dem Dorf heraus. Danach sind es Trampelpfade neben der Landstraße, dann querfeldein. Meine Schuhe versinken im Schlamm. Meine Socken sind nass. Doch es ist der kürzeste Weg. Nach dem Feld wieder Landstraße.

Ein Schuss hallt über die Ebene. Ich erreiche ein Schild: Hasenjagd, heute, hier. In der Ferne gehen Männer in dunkelgrünen Gummistiefeln über die Felder. Gewehre über den Unterarmen. Sie beachten mich nicht, als ich vorbeigehe. Haben sie mich überhaupt gesehen?

Kilometer 5

Bei Kilometer 5 fängt es an zu regnen. Nur kurz. Ich weiß, es wird nur kurz sein, denn ich will ans Meer und wenn es länger regnet, muss ich umkehren. Wind zieht auf und schiebt die Regenwolken davon. Kalt ist es, aber sonnig.

Kilometer 10

Bei Kilometer 10 sehe ich den Leuchtturm in der Ferne. Es ist noch ein langer Weg. Doch das Land ist so flach, dass ich ihn nun nicht mehr aus den Augen verliere.

Es geht über den ersten Deich. Autos fahren an mir vorbei. Niemand schenkt mir Beachtung. Bei Kilometer 13 sehe ich den Leuchtturm in voller Größe. Könnte ich gerade darauf zugehen, wäre ich in 10 Minuten dort. Doch der Weg schlängelt sich hinter dem Deich kreuz und quer um Wassergräben herum. Bald erreiche ich eine Kreuzung und nun muss eine Entscheidung her: Ich kann noch 5 Kilometer laufen, um den Leuchtturm zu erreichen. Oder ich gehe noch ein paar hundert Meter ans Meer.
Kurz darauf steht ich mit den Füßen wieder im Wasser. Ich fische ein paar Muscheln aus dem eiskalten Sand und schaue in die Ewigkeit.

Ich kehre dem Meer nicht gerne den Rücken. Keine Ahnung, warum. Ein Gefühl von Abschied greift nach mir. Als würde ich einen Freund zurücklassen, dem ich doch so verbunden bin.

Ich gehe einen anderen Weg zurück. Den Radweg. Dann bleiben mir die matschigen Felder erspart. Dafür ist er etwas länger. Doch ich weiß, dass sich der Rückweg immer kürzer anfühlt, als der Hinweg. Immer, nur jetzt nicht. Es ist kalt. Doch nun merke ich, dass die Sonne ihre Arbeit tut. Ich fühle mich ausgetrocknet. Seit ich das Gästehaus verlassen habe, habe ich nichts mehr getrunken. Jetzt will ich es nachholen. Doch das Wasser in meinem Rucksack ist so kalt, dass ich es nur in winzigen Schlucken trinken kann.

Kilometer 20

Ein paar Schafe drängen sich am Zaun aneinander. Auch sie sind vor Wind und Kälte nicht gefeit. Bei Kilometer 20 spüre ich meine Beine. Ich mag nicht mehr. Doch es liegt noch ein ganzes Stück vor mir.

Hinter mir geht langsam die Sonne unter. Ich weiß, dass ich noch 10 Kilometer laufen kann. Ich weiß nur nicht, ob ich es vor Einbruch der Dunkelheit schaffe.
Es geht vorbei an Windrädern und Bauernhäusern. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Halt an, denke ich bei jedem. Halt an und frag’ doch, ob ich mitfahren will. Aber es hält niemand an. Und ich bin zu stolz, den Daumen rauszustrecken. Ich werde es aus eigener Kraft nach Hause schaffen.

Kilometer 25

Bei Kilometer 25 bin ich wieder an der Landstrasse. Die Straßenschilder sagen mir nun, wieviele Kilometer ich noch vor mir habe. Und die Kälte hat es unter meine Jacke geschafft. Eigentlich will ich mich hinsetzen. Doch alles ist nass.

Bei Kilometer 28 fängt es an zu regnen. Nicht genug, um sich irgendwo unterzustellen. Doch genug, um mir auf die Nerven zu gehen. Es sind nur noch zwei Kilometer. Ich kann die ersten Häuser des Dorfes schon sehen. Und ich bin müde. So müde. Ich will mich nur hinlegen. Wärme. Essen.

Kaum habe ich das Ortsschild passiert, wird mein Gang leicht. Gleich habe ich es geschafft. Gleich bin ich wieder im Warmen. Mein Gesicht fühlt sich an, als hätte ich einen Sonnenbrand. Meine Lippen sind rissig. Meine Hände zittern vor Kälte, als ich bei Kilometer 30 den Schlüssel ins Schloss des Gästehauses stecke.

Vor sechs Stunden habe ich diese Tür hinter mir zugezogen. In der Küche steht noch der Karamell-Apfelkuchen vom Frühstück. Ich schneide mir zwei große Stücke ab und nehme sie mit auf mein Zimmer. Eine heiße Dusche bringt wieder Leben in meine Füße. Doch ich spüre, dass auch das heiße Wasser mich nicht vor einem Muskelkater bewahren wird. Ich lasse mich aufs Bett fallen und mache mich über den Kuchen her.

Es kommt mir vor, als hätte ich 6 Stunden nicht existiert. Als wäre ich für 6 Stunden aus der Welt gefallen. Ich war nicht hier. Ich war nirgends und niemand hat es gemerkt.