Die letzte Abfahrt

Mareike hätte nicht gedacht, dass der Ski-Trip so entspannt werden würde. Letztes Jahr waren sie auch das Sales Team mit dem größten Jahresumsatz gewesen und hatten auf Firmenkosten ein langes Wochenende an der Nordsee verbringen dürfen. Doch im letzten Jahr waren sie noch zu fünft gewesen. Rainer war noch ihr Team Lead gewesen und Mareike selbst, Volker, Johanna und Ralf gleichberechtigte Kollegen.
Nun war Rainer im Ruhestand und Mareike an seine Stelle gerückt. Sie hatte erwartet, dass die anderen drei es ihr übelnehmen und sie spüren lassen würden, dass sie befördert worden war, obwohl zumindest Johanna und Ralf länger in der Firma waren als sie.
Doch bisher war alles ganz entspannt verlaufen.

Mareike überkam ein warmer Stolz, den sie ohne die vielen Jagertee und die heißen Hexen, vielleicht nicht gespürt hätte. Das war nun ihr Team: Ralf, Johanna, Volker und sie selbst. Das beste Sales Team der ganzen Firma.
„Ich bin stolz auf uns“, hörte Mareike sich sagen. Sie war normalerweise niemand, der Reden schwang, aber nun stand sie auf und hob ihr Glas, in dem noch ein Rest heißer Eierlikör war. „Wir sind das beste Sales Team aller Zeiten. Und deswegen haben wir uns dieses Wochenende mehr als verdient.“
Volker, Johanna und Ralf warfen einander Blicke zu, das entging Mareike nicht.
„Auf uns!“, klang es dann wie aus einem Mund.
„Wir brauchen Nachschub“, stellte Ralf fest, erhob sich mühselig und stapfte zur Theke herüber. Seine Skischuhe zwangen ihn zu einem unnatürlichen Gang und seine Schritte hallten durch die inzwischen leere Berghütte.
Mareike fragte sich, wo all die Leute abgeblieben waren. Gerade war hier doch noch ein Gewirr gewesen, am Nebentisch hatte eine Familie Pommes und Germknödel verdrückt.
Ralf kam zurückgestapft. Er sah nicht glücklich aus.
„Die schmeißen uns raus“, sagte er und nahm seine Jacke von der Holzbank. „Die machen eigentlich schon zu, wenn der Lift schließt.“
Enttäuscht zogen sie ihre Jacken an und bewegten sich Richtung Ausgang.
„Ich geh nur noch mal kurz aufs Klo“, sagte Mareike und stapfte schon die Treppe zu den Toiletten herunter.
Im Augenwinkel sah sie noch, wie die anderen drei nach draußen gingen und nach rechts abbogen. Dort hatten sie ihre Skier geparkt.

Mareike beeilte sich und schob nur wenige Minuten später die Tür der Skihütte auf. Ein eisiger Wind schlug ihr entgegen. Die Sonne war schon lange untergegangen. Doch durch die Fenster der Hütte drang genug Licht hinaus.
Mareike stapfte durch den Schnee den anderen hinterher. Sie kam zu dem Ständer, an den sie vorhin ihre Skier gelehnt hatte. Doch da war niemand.
„Johanna?“
Keine Reaktion.
„Volker! Ralf!“
Nichts als Stille.
Mareike zuckte die Achseln. Vielleicht waren die drei schon vorgegangen. Von der Hütte aus musste man erst einmal ein Stück den Berg hinauf, um auf die Piste zu gelangen, die zum Dorf führte. Erst dann konnte die bequeme Abfahrt ins Tal beginnen. Sicher warteten die drei oben auf dem Kamm, um gemeinsam hinunter zu fahren.
Mareike ging um den Ständer herum.
Ihre Skier waren weg. Sie war sicher, dass sie sie hier gelassen hatte. Genau dort, wo jetzt noch ihre Skistöcke hingen. Doch ihre Skier waren fort.
„Sehr witzig!“, rief Mareike aus. „Ihr könnt rauskommen.“
Es musste ein Scherz sein. Es konnte nicht anders sein. Oder?
Doch um sie herum war weiterhin nur Stille.

Mareike lief zur nächsten Ecke der Hütte. Doch von ihren Kollegen war nichts zu sehen.
„Das kann doch nicht wahr sein.“ Mareike ging zurück zum Eingang, doch die Tür ließ sich nicht mehr öffnen. Gerade, als sie klopfen wollte, ging auch noch das Licht aus.
„Hey!“
Irgendwo hinter der Hütte hörte Mareike eine Tür zuschlagen. Schnell lief sie über die Terrasse, von der aus man bei Tag einen wunderbaren Blick über die Gegend hatte. Unter ihr war der Personalausgang. Und genau von dort aus glitt gerade der Mann auf seinen Skiern in Richtung Tal, der die vier bis vor Kurzem noch bedient hatte.
„Warten Sie!“, rief Mareike noch. Doch gegen den Wind kam ihre Stimme nicht an. Der Mann verschwand in der Dunkelheit.
„Fuck!“ Mareike zog ihr Handy aus der Tasche. Sie hatte hier oben keinen Empfang, das wußte sie bereits. Doch mit der Taschenlampe könnte sie wenigsten noch einmal nach ihren Skiern suchen.
Ihre Bemühungen waren vergeblich.

Ihr blieb nichts Anderes übrig, als zu Fuß zu gehen. Sie schnappte sich die Skistöcke, die ihre wunderbaren Kollegen ihr freundlicherweise gelassen hatten und machte sich auf den Weg.
Kurz überlegte sie noch, dem Kellner zu folgen. Doch in diese Richtung kannte sie die Pisten nicht und wenn sie dort im Tal ankam, müsste sie irgendwie zurück in das Dorf kommen, in dem ihre Unterkunft lag. Also stapfte sie den Berg hinauf bis zu dem Kamm. Auch hier war keine Spur von Johanna und den anderen.
Na wartet, dachte Mareike. Sobald ich zurück in der Pension bin, schreibe ich eine gesalzene Mail an HR. Das wird Konsequenzen haben.

Mareike wußte, dass es von dort, wo sie stand, eine Skipiste ins Tal gab und eine Rodelstrecke. Die Rodelstrecke war flacher, aber mehrere Kilometer länger als die Piste. Sie entschied sich für die Piste und bereute es wenig später, als sie auf einem Placken Eis ausrutschte und mit dem Gesicht voran im Schnee landete. Sie rutsche noch ein ganzes Stück den Hang hinunter, bevor sie sich bremsen konnte. Sie rollte sich auf den Rücken, richtete sich auf und fluchte.
Schnee war ihr in die Jacke geraten und sie begann jetzt schon zu frieren. Sie wollte heulen.
Doch das würde ihr auch nicht helfen. Tapfer stand Mareike auf und stapfte weiter. Sie hielt sich nun am Rand der Piste, wo der Schnee nicht ganz so festgefahren war. Zwar bestand hier ein geringeres Risiko auszurutschen und zu stürzen, doch sank sie viel tiefer im Schnee ein als in der Mitte der Piste. Dass sie ihre Skischuhe trug, machte die Sache nicht besser. Es war unbequem, darin zu laufen, erst recht bergab und in knietiefem Schnee.
Mareike hatte es bis zur ersten Kurve der Piste geschafft, als ihre Beine nachgaben. Sie kippte nach vorne und blieb auf den Knie hocken.
„Ich kann nicht mehr“, wisperte sie.
Weit unter sich konnte sie die Lichter des Dorfes sehen. Es war so weit weg.
Da wurde Mareike klar, dass sie nicht würde laufen können. Es machte keinen Sinn. In diesem Tempo würde sie es nicht schaffen. Sie würde hier draußen erfrieren.
„Ich muss rutschen“, sagte sie sich selbst.

Auf Händen und Knien kroch sie zurück auf die Piste. In der Mitte setzte sie sich auf den Hintern. Sie würde mit den Füßen lenken und bremsen, nahm sie sich vor. Dann wäre sie in wenigen Minuten im Tal unten.

Sie hob leicht die Füße und setzte sich sofort in Bewegung. Ein paar Meter ging es gut. Doch die Skischuhe waren zu schwer, als dass sie sie länger als ein paar Sekunden in der Luft halten konnte. Ihr linker Fuß sackte ab, die Ferse grub sich in den Schnee. Mareike machte eine Drehung um ihren Fuß herum und wurde dabei immer schneller.
Sie drehte sich um 180 Grad. Soweit, dass ihre Füße hangaufwärts zeigten. Jetzt war an Bremsen nicht mehr zu denken. Mareike rutschte schneller und schneller. Sie versuchte, ihre Fersen in den Schnee zu drücken. Doch es nützte nichts.
Sie drehte sich auf den Bauch und grub ihre Hände in den Schnee. Erst verlor sie den einen Skistock und mit dem zweiten auch noch ihren Handschuh.
Vor lauter Dunkelheit und mit dem Gesicht so dicht über dem Schnee konnte Mareike nicht sehen, worauf sie zusteuerte. Doch sie erinnerte sich, dass die Piste hier irgendwo zwei scharfe Kurven machte. Sie ruderte mit Armen und Beinen, um sich in die richtige Richtung zu bewegen und war fast sicher, dass sie es um die erste Kurve geschafft hatte, da knallte sie gegen einen Baumstumpf.
Sie hörte noch einen Schlag und ein Knacken. Dann war es still und dunkel.

Wie Mareike von dem Baumstumpf zurück ins Dorf gekommen war, konnte sie nicht sagen. Doch plötzlich fand sie sich auf dem Balkon ihrer Pension wieder. Direkt vor einer Balkontür. Drinnen brannte Licht und Mareike konnte sehen, dass Ralf aufgeregt im Zimmer auf und ab ging.
Sie wußte, dass sie sauer auf ihn sein sollte. Aber ihr Zorn war verflogen. Sie wollte nur, dass er sie hineinließ. Mareike hob die Hand, um gegen die Tür zu klopfen. Da hob Ralf den Blick und sah sie direkt an. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Er schlug die Hände vor den Mund und stürmte aus dem Zimmer.
Es dauerte nur einen Moment, da kam Ralf zurück. Johanna folgte ihm dicht. Auch sie wurde blass, als sie Mareike sah. Sie stieß einen Schrei aus und stolperte rückwärts gegen den Lichtschalter.
Nun war das Zimmer dunkel und Mareike konnte ihr eigenes Spiegelbild in der Scheibe sehen. Ihre Lippen waren blau, ihre Haut weiß und auf ihren Augen lag ein Schleier, als sei die Feuchtigkeit darauf gefroren.
Da ging das Licht wieder an. Sie Spiegelung war verschwunden und Mareike auch.

Erst am nächsten Morgen meldeten Mareikes Kollegen deren verschwinden. Es dauerte keine Viertelstunde bis ein Suchtrupp an der Talstation bereitstand. Doch bevor die Freiwilligen ausschwärmen konnten, wurde die Suche auch schon wieder abgeblasen.
Einer der Fahrer, die jeden Morgen mit den Raupen die Pisten planierten, hatte am oberen Drittel der Talabfahrt eine leblose Frau gefunden. Ihr Körper war steif gefroren. Und es sah so aus, als habe sie sich das Genick an einem Baumstumpf gebrochen.
Wie ihre Skier in den Keller ihrer Pension gekommen waren, wollten ihre Kollegen genauso wenig erklären, wie ihre Überzeugung, dass Mareike es zurück zur Pension geschafft hatte.