Der Typ mit dem Snowboard drängelt sich vor. Normalerweise würde ich ja was sagen, aber er tut mir leid, weil er sich abmüht mit seinem einen Bein am Brett festgeklemmt und dem anderen merkwürdig verdreht daneben. Snowboards kann ich nichts abgewinnen. Ich bin zum Skifahren hier. Endlich mal wieder Ski fahren.
Ich lehne mich auf meine Stöcke. Da drängt sich der Kumpel von dem Snowboarder vorbei. „Wir würden gerne zusammen fahren“, sagt er.
„Und ich würde heute auch gerne noch fahren“, maule ich. Aber zu leise, als dass sie mich hören.
Die Schlange schiebt sich voran. Noch vier Paare sind vor mir am Sessellift (inklusive Snowboarder), da drängt von hinten ein Skilehrer vorbei. Ich seufze.
Hinter dem jungen Mann im roten Skianzug mit dem Logo der örtlichen Skischule auf dem Rücken, schieben sich neun Kinder entlang.
Keine Ahnung, warum die sich immer ganz vorne an der Schlange anstellen dürfen. Als würden der rote Skianzug bedeuten, dass man Lift-Vorrang hat.
Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Sollte ich mir auch einen roten Skianzug kaufen? Oder mich zum Skikurs anmelden?
„Kommt, aufrücken“, ruft der Skilehrer seinen Schützlingen zu. „Leo! Nicht stehenbleiben.“
Die Kinder erreichen die Schranke, die immer ein Paar Wintersportler durchlässt. Doch nun müssen auch sie warten.
Der Liftwärter kommt mit einem hölzernen Winkel und stellt ihn neben dem ersten Kind auf. Das Kind passt locker unter dem Winkel durch. Der Liftwärter schüttelt den Kopf.
Die anderen Skischüler sind noch kleiner. Und ich ahne schon, was jetzt kommt.
Der Skilehrer dreht sich zu den Leuten um, an denen er sich gerade mit seiner Bande vorbeigedrängt hat.
„Könnten Sie vielleicht jeweils einen meiner Schüler im Sessel mit nach oben nehmen?“, will er wissen. „Die sind zu klein, um alleine zu fahren.“
„Ich bin nicht klein“, widerspricht Leo.
„Aber zu kurz bist du“, sagt der Skilehrer.
Da muss ich grinsen und Leo guckt beleidigt.
Ich hebe die Hand. „Ich kann gerne einen mitnehmen.“
Jetzt bin ich es, die sich an der Schlange vorbeischiebt. Hilfreich sein, kann also auch Vorteile bringen.
„Ich fahr mit der“, sagt Leo und bleibt dicht an meiner Seite.
Der Skilehrer lächelt mich dankbar an und der Liftwärter sorgt dafür, dass der Sessel in Zeitlupentempo ankommt, als er Leo und mich aufnimmt.
„Bist du schon lange hier?“, fragt Leo, kaum dass ich den Sicherheitsbügel runtergezogen habe.
„Ist heute mein erster Tag auf der Piste“, sage ich.
Leo verdreht die Augen. „Also ich bin schon sechs.“ Er überlegt. „Fünf. Aber bald sechs. Also im Sommer. Weißt du, wann ich Geburtstag habe?“
„Im Sommer?“
Nun sieht er mich ehrfürchtig an. Doch Ehrfurcht bringt Leo nicht zum Schweigen.
„Ich fahre schon ganz lange Ski.“
Ich atme tief ein und lasse Leo reden und meinen Blick schweifen.
Der Panorama ist atemberaubend. Darauf habe ich gewartet. Skifahren bei klarem Himmel, schönstem Sonnenschein und den besten Schneebedingungen. Herrlich.
„Wir wohnen direkt hinter der Grenze“, höre ich Leo sagen. „Da wo die Baustelle ist. Weißt du?“
Ich nicke. Keine Ahnung, welche Baustelle. Aber das spielt keine Rolle, denn Leo erzählt nun von seinen Großeltern und der Kreuzfahrt, die sie im letzten Jahr mit Tante Marie und Onkel Toni gemacht haben.
Ich sehne das Ende des Lifts herbei. Ich will doch nur in Ruhe Skifahren. Endlich mal wieder.
Eine ganze Weile geht es noch bergauf. Das Rattern des Sessels, jedesmal wenn wir einen Mast passieren, lullt mich ein.
„Guck mal da!“, ruft Leo aus und deutet nach unten. Er ist so kurz, dass ich zusammenzucke, weil ich denke, er rutscht gleich aus dem Lift.
Ich halte ihn fest und beuge mich selbst nach vorne. Weit unter uns liegt ein Handschuh im Schnee. Eigentlich liegt er nicht. Er ragt heraus. Drei Finger und der Daumen sind vom Schnee bedeckt nur der Zeigefinger deutet in die Luft. Anklagend irgendwie.
„Holst du den?“, will Leo wissen.
„Warum sollte ich?“ Ich zeige Leo meine Handschuhe. Beide noch da.
„Aber den hat wer verloren. Du musst ihn holen und zurückgeben.“
„Und an wen gebe ich den Handschuh zurück? Hm?“ Ich bin sicher, dass Leo darauf keine Antwort hat. Doch weit gefehlt.
„Na, dem mit der kalten Hand!“
Clever ist er ja, dieser kurze Junge.
„Vorsicht, wir steigen aus!“
Endlich werde ich Leo los. Endlich kann ich Ski fahren.
Doch Leo hält mich zurück.
„Ich darf nicht alleine bleiben“, sagt er. „Du musst warten, bis der Joschi da ist. Oder ein anderer Erwachsener.“
„Wer ist denn der Joschi?“
Wieder verdreht Leo die Augen. „Na, unser Skilehrer.“
Ich stoße einen Seufzer aus, erbarme mich dann aber. Es kann ja nicht lange dauern, bis das nächste Kind in Begleitung aussteigt. Dann kann ich meine Verantwortung an den abgeben. Doch die nächste Skischüler-Begleitung wedelt vom Lift direkt an uns vorbei und lässt einen zweiten Skischüler in meiner Obhut.
„Ey, Leo“, sagt der Neuankömmling. „Hast du den Handschuh gesehen?“
„Klar“, sagt Leo und deutet dann auf mich. „Die holt gleich den Handschuh und sucht dann den, der den verloren hat.“
„Aber wie soll die den denn erkennen?“, fragt der zweite Kurze.
„Na, an der kalten Hand“, sage ich und verdrehe nun gemeinsam mit Leo die Augen.
Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich die Skischüler nach und nach aneinander. Da endlich sehe ich den roten Skianzug. Joschi ist in Sicht.
„Da ist euer Lehrer.“ Ich deute auf den Sessel, der sich langsam der Gipfelstation nähert. „Ich bin dann weg.“
Ich lasse mich etwas die Piste herunterrutschen. Da ruft Leo mir zu: „Vergiss den Handschuh nicht.“
Bevor ich mich selber stoppen kann, steuere ich auf die Stelle zu, an der der Handschuh liegt. Ich muss ein Stück von der Piste runter und dann ein paar Meter nach oben. Dann stehe ich unter dem Lift. Über mir fährt Joschi vorbei und blickt zu mir herunter.
Ich bücke mich, um den Handschuh aufzuheben und rufe nach oben: „Sagen Sie Leo, dass ich den Handschuh gefunden habe.“
Joschi starrt entsetzt an mir vorbei auf den Schnee.
„Rühren Sie sich nicht. Ich rufe die Bergwacht!“
Ich schaue erst auf den Handschuh in meiner Hand. Nichts Besonderes.
Dann wandert mein Blick weiter nach unten. Dort ragt eine Hand aus dem Schnee und deutet anklagend mit einem Finger auf den Lift. Oder auf mich?
Irgendwo ertönt eine Sirene. Der Sessellift stoppt. Joschi und ein Liftwärter stürmen durch den Schnee auf mich zu.
Das Skifahren kann ich heute wohl vergessen.