nur raus

16.03.2020

Er knallte die Wohnungstür zu und stapfte durch den Hausflur. Sie blieb hinter der Tür stehen und atmete aus. Augenblicklich fiel ihr das Lächeln aus dem Gesicht. Doch durfte sie sich nicht vollends entspannen. Noch war er in der Nähe.
Es kam vor, dass er Dinge vergas, dass es ihm im Auto einfiel, dass er zurückkam.

Sie atmete ein paar Mal tief durch und ging in die Küche. Für den Fall, dass er umkehrte, musste alles so ablaufen wie immer. Also räumte sie das Frühstücksgeschirr ab, kippte den restlichen Kaffee weg und ermahnte die Kinder, sich anzuziehen. Gleich würden sie zum Kindergarten aufbrechen.
Nur, dass das war eine Lüge. Ja, sie würden aufbrechen, aber nicht zum Kindergarten. Sie würden an der Ecke den Bus nehmen wie sonst auch. Aber heute würden sie nicht am Kindergarten aussteigen, sondern bis zum Bahnhof weiterfahren und dann im Zug weiter in Richtung Nordsee.
Ihr Rollkoffer und ein Rucksack lagen gepackt unter dem Bett. Schon seit drei Tagen. Das war riskant, doch anders hätte sie es nicht geschafft. Hätte er den Koffer gefunden oder bemerkt, dass Klamotten der Kinder fehlten, dann wäre alles verloren gewesen. Sie hätte wieder eine Abreibung bekommen und er hätte einen Weg gefunden, sie alle hierzubehalten.

Sie blickte aus dem Fenster und sah, wie er über den Parkplatz schlenderte. Die Blinker des Autos leuchteten kurz auf, als er es entriegelte. Er stieg ein.
Nun fahr schon los, dachte sie.
Sie brauchten sich nicht zu beeilen. Der Bus fuhr erst in einer Stunde, genug Zeit, um die Kinder fertig zu machen und zur Haltestelle zulaufen. Doch wäre ihr wohler, wenn er endlich losfuhr.

Die Kinder wußten von nichts. Die Gefahr war zu groß, dass sie ihrem Vater erzählt hätten, dass Mama mit ihnen eine Reise plante. Eine Reise zum Onkel.
Er betrieb mit seiner Frau an der Nordsee ein Restaurant. Er hatte ihr sofort gesagt, dass sie bei ihnen würde unterkommen können, als sie ihm erzählt hatte, wie es um ihre Ehe bestellt war.
Pack die Kinder ein und komm her, hatte er gesagt und ihr gleich noch einen Job im Restaurant versprochen. Kellnerinnen könnten wir immer gebrauchen.
Sie war so dankbar gewesen, dass sie es nicht mehr über sich gebracht hatte, ihn um Geld für die Zugfahrt zu bitten.
Ihr Mann hatte seinen Daumen auf ihren Finanzen und wußte über alle Einnahmen und Ausgaben der Familie bescheid. Deswegen hatte es mehr als sechs Monate gedauert, um das Geld für die Fahrkarte zusammenzukratzen. Für die letzten zwanzig Euro hatte sie sich an den Sparbüchsen der Kinder bedient. Der Gedanke daran versetzte ihr einen Stich. Aber sie hatte keine Wahl gehabt.

Endlich ließ er den Motor an. Sie konnte sehen, wie er erst das Radio lauter drehte und sich dann anschnallte. Das tat er immer – reine Gewohnheit.
Nun würde er losfahren. Endlich.
Doch nichts passierte. Das Auto stand.
Was war nur los? Hatte er doch etwas vergessen?
Panisch sah sie sich um. Sie hatte ihm das Ladekabel für seinen Laptop extra auf seine Tasche gelegt, denn das ließ er gerne irgendwo liegen.
Sein Handy! Hat er sein Handy eingesteckt?
Schnell sah sie sich um, konnte es aber nirgends entdecken. In der Küche nicht, im Flur nicht.
Wieder warf sie einen Blick aus dem Fenster und nun blieb ihr das Herz stehen. Die Fahrertür ging auf und er stieg wieder aus.
Nein. Nein! NEIN! Das darf nicht sein.

Sein Handy hatte er offensichtlich nicht vergessen, denn das hielt er an sein Ohr gepresst.
Im Stechschritt kam er nun über den Parkplatz.
Ihr schossen die Tränen in die Augen.
Schnell wischte sie sie weg, kontrollierte ihr Make up im Spiegel und zwang sich ihr Lächeln zurück ins Gesicht.
Er würde nur kurz hereinkommen, etwas Vergessenes einsammeln, ihr Vorwürfe machen, dass sie ihn nicht daran erinnerte hatte es einzupacken – was auch immer es war – und dann wäre er wieder weg.
Sie atmete tief durch. Es würde alles gut werden. Noch war genug Zeit.

Die Tür flog auf und er stürmte herein. Seine Tasche stellte er geräuschvoll auf den Boden und zog seine Jacke aus.
„HR hat mich angerufen“, schnaubte er. „Alle sollen von Zuhause arbeiten.“
Sie schluckte. „Von Zuhause? Wie lange denn?“
Es kickte seine Schuhe durch den Flur. „Bis auf Weiteres.“ Er stapfte an ihr vorbei in die Küche. „So eine Scheiße! Gibt’s noch Kaffee?“
Sie stand wie angewurzelt. Bis auf Weiteres? Wie lange konnte das sein? Eine Woche? Einen Monat?
Ihr Zugticket war sechs Wochen gültig. So lange würde es wohl nicht dauern können. Oder?
Sie würde einfach fahren, wenn er das nächste Mal ins Büro ging und hoffen, dass er bis dahin den Koffer und den Rucksack unter dem Bett nicht fand. Und die Kinder die Kuscheltiere nicht vermissten, die sie eingepackt hatte. Und …

Sie hörte, wie er in der Küche das Radio anschaltete.
„Und in den Nachrichten faseln sie irgendwas von Lockdown wegen Corona!“