Pro Bono #01

Massimos Rache

Liebe Frau A.,

Sie kennen mich nicht, und wer ich bin, ist für Sie völlig uninteressant. Wichtig ist jedoch, dass Sie wissen, dass ich mit dem, was ich Ihnen in den folgenden Zeilen schreibe, Erfahrung habe. Es ist mein Beruf, Dinge wie die, die ich Ihnen im Folgenden vorschlage, umzusetzen.
Was Sie von mir lesen werden sind nichts weiter als Vorschläge. Ich möchte Sie keinesfalls dazu drängen oder überreden, diese umzusetzen. Ich möchte Sie aber eindringlich bitten, diesen Brief, nachdem Sie ihn sorgfältig gelesen haben, zu vernichten. Zu unser beider Sicherheit.

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich Ihnen diesen Brief überhaupt schreiben soll. Seit dem Dritten des letzten Monats, um genau zu sein. Das war der Tag, an dem jemand Ihren Massimo anfuhr.
Er ist wirklich ein sehr schönes Tier und so zutraulich. Ich war sehr erleichtert, ihn vorgestern wieder durch die Gärten streifen zu sehen. Auch wenn er sich nun etwas schwer zu tun scheint, höhere Sprünge zu machen – kein Wunder, nach der Amputation. Aber er macht einen munteren Eindruck und ist auch für einen dreibeinigen Kater noch flink unterwegs. Aber ich schweife ab.
Ich kann mir vorstellen, welche Sorgen Sie wegen Massimo hatten. Und welchen Zorn sie gegen den Menschen hegen, der dem armen Tier das angetan hat und dann nicht einmal den Anstand besaß, den armen Massimo zum Tierarzt zu fahren. Oder Sie zu verständigen.
Ich gehe davon aus, dass Sie nicht wissen, wer der Fahrer ist.
Nun möchte ich Sie aufklären: Herr J. ist es gewesen.

Ich hatte mich gewundert, dass er sein Auto plötzlich nicht mehr auf der Straße parkte, sondern immer in die Garage fuhr und diese dann auch noch schloss. Er ist doch so stolz auf sein aufgemotztes Fahrgerät, dass er es bisher immer auf der Straße stehen ließ, wo es jeder bewundern konnte. Und an dem er zu allen Tages- und Nachtzeiten herum schraubte.

Das hätte mich weiter nicht beschäftigt, wenn es nicht direkt nach Massimos Unfall begonnen hätte. Ich besorgte mir also von Ihren Nachbarn, die an ihren Grundstücken Videoüberwachung haben, eben diese Aufnahmen. (Wie ich das angestellt habe, spielt keine Rolle. Solche Dinge zu besorgen, ohne dass jemand etwas davon bemerkt, gehört zu meiner Profession.)

Auf den Aufnahmen von Familie D. wurde ich fündig. (Sollten Sie mir nicht glauben, fragen Sie bei den Ds. nach. Die Aufnahmen des Unfalltages befinden sich noch immer auf deren Festplatte und werden dort auch noch bis Anfang Juni gespeichert sein.)

Nicht nur, dass Herr J. Massimo angefahren hat, er tat es mit voller Absicht, daran habe ich nach der Sichtung des Videos keinen Zweifel.

Nun könnte jeder – und ich auf jeden Fall – verstehen, wenn Sie eine echte Wut auf Herrn J. haben. Er hatte seit seinem Vergehen genug Zeit, sich bei Ihnen zu entschuldigen. Die Kosten für den Tierarzt hätte er übernehmen müssen und bei Ihnen und Massimo zu Kreuze kriechen.
Sollte er dies inzwischen getan haben, so schauen Sie in Ihr Herz, ob Sie ihm verzeihen können und wenn Sie ein so großzügiger Mensch sind, lesen Sie nicht weiter und vergessen Sie alles, was ich Ihnen bisher geschrieben habe.

Sollte ihr Zorn auf Herrn J. jedoch weiterhin so groß sein, wie die Ungerechtigkeit, die er Massimo angetan hat, dann lesen Sie hier meinen Vorschlag:

Ich weiß, dass Sie jeden Mittwoch Abend im Gemeindesaal Bridge spielen, dass Sie bei jedem Wetter dorthin laufen und dass Sie sich stets eine Thermoskanne mit Tee mitnehmen.
Tun Sie dies weiterhin. Aber fahren Sie in Zukunft mit dem Auto und geben Sie Ihrem Tee ab sofort einen Schuss Schnaps oder Rum hinzu. Es braucht nicht viel zu sein. Nur genug, dass man es riecht, wenn Sie sich eine Tasse davon einschenken.

Auf dem Heimweg fahren Sie immer die gleiche Strecke: Vom Gemeindesaal am Haus von Herrn J. vorbei direkt nach Hause. Tun Sie dies jede Woche. Lassen Sie keine Woche aus.
Und dann brauchen Sie Geduld. Spätestens nach der nächsten Tuning Messe wird Herr J. sich für sein Auto wieder einen neuen Auspuff oder sonst etwas gönnen, das er dann selbst montieren wird. Auf diesen Tag warten Sie.

Wenn Sie dann eines Abends nach Hause fahren und Herr J. an seinem Auto schraubt, halb auf der Straße liegend, halb unter dem Wagen, dann dürfen Sie nicht zögern. Fahren Sie nicht schneller als sonst, aber fahren Sie in leichten Schlangenlinien und fahren Sie auf Herr J. zu. Idealerweise touchieren Sie sein Auto, bevor Sie ihm über die Beine fahren, zwingend notwendig ist es aber nicht.

Haben Sie ihn erwischt, ist es unumgänglich, dass Sie noch vor Ort die Polizei und einen Krankenwagen rufen. Seien Sie ganz aufgeregt (das wird Ihnen in der Situation sicher nicht schwer fallen) und geben Sie alles zu, was passiert ist: Sie haben Ihren Nachbarn angefahren, Sie haben getrunken. Verschweigen Sie den Alkohol in ihrem Tee nicht und versuchen Sie nicht, sich herauszureden.
Sie sind eine alte Dame (ich schreibe dies mit höchstem Respekt), die in Ihrem Leben niemandem etwas zu leide getan hat. Sie waren angetrunken und das alles war ein Unfall. Man wird Sie dafür nicht ins Gefängnis stecken – das verspreche ich Ihnen. Ich sage sogar voraus, dass man Herrn J. eine Mitschuld an diesem tragischen „Unfall“ geben wird. Denn schließlich lag er ständig halb auf der Straße, wenn er an seinem Auto schraubte. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ihn ein Autofahrer übersehen würde.
Sollten Sie das Gefühl haben, dass die Polizei oder Staatsanwaltschaft etwas anderes als einen Unfall wittert, dann geben Sie Ihren Führerschein ab. Erzählen Sie überall herum, dass Sie sich nach dieser Tragödie nie wieder hinters Steuer setzen wollen. Niemals!
Aber ich bezweifle, dass dies nötig sein wird.

Ich bin sicher, Sie verstehen nun, warum ich Sie bitten muss, diesen Brief zu vernichten. So wie ich an das Videomaterial Ihrer Nachbarn kommen konnte, so wird mir nicht verborgen bleiben, wenn Sie den Brief behalten sollten.

Die Entscheidung, ob Sie meine Vorschläge befolgen oder nicht, überlasse ich natürlich Ihnen. Vielleicht sind Sie ein besserer Mensch als ich es bin und verzichten auf Rache.
Wie auch immer Sie entscheiden, ich wünsche Ihnen und Massimo nur das Beste.

Mit freundlichen Grüßen