die Frau seines Lebens

Die App ist kostenlos. Natürlich. Das sind sie ja alle. Aber die InApp Käufe, die haben es in sich. Leon scrollt durch die Angebote. Premium Account: 15.000 Euro. Das soll wohl ein Witz sein. Erstes Date garantiert: 2.500 Euro.
Am liebsten würde Leon die App wieder löschen. Aber er ist verzweifelt. Das ist bereits die siebte Dating-App, die er ausprobiert. Und nicht die erste, für die er bezahlen soll. Aber bisher hat er ein paar Euro jeden Monat abgedrückt für die Chance, eine Frau kennenzulernen. Diese App ist anders.

Wir garantieren ein erstes Date mit einer Frau Ihrer Wahl. Hinter dem Wort Wahl ist ein Sternchen. Leon macht sich nicht die Mühe herauszufinden, was hier das Kleingedruckte ist. 2.500 Euro und er kann sich eine Frau aussuchen und das erste Date ist garantiert. Nicht erst wochenlang Textnachrichten hin und herschicken. Nicht erst einen Eiertanz aufführen und immer versuchen, das Richtige zu schreiben. Das klingt nach einem guten Deal.
Leon gibt seine Kreditkarteninformationen ein.

Auf dem Screen wird ihm zu seiner Entscheidung gratuliert und er wird gebeten, einen Fragebogen auszufüllen und zwei Fotos von sich zu machen.
Machen. Nicht hochladen.

Das erste Foto soll von seinem Gesicht sein. Leon macht ein Selfie. Fertig.
Nun ein Foto von seinem ganzen Körper. Leon würde lieber eins hochladen. Er hat erst gestern eins im Fitnessstudio gemacht nach einem guten Workout, aber das geht nicht. Das Foto muss jetzt gemacht werden. Also stellt er sich vor den Spiegel. Knipst.
Foto nicht gültig – sagt die App. Bitte achten Sie darauf, dass auf dem Foto die Konturen ihres Körpers zu sehen sind.
Wie bitte? Leon zieht seine Jogginghose aus, enge Jeans an und dazu ein eng anliegendes T-Shirt. Damit ist die App zufrieden.

Nun muss er sein Alter angeben, Größe, Gewicht, Hobbies, höchster Bildungsabschluss, Beruf, Familienstand. Endich ist auch das abgeschlossen.
Bitte warten … – sagt die App. Bitte warten. Sie werden gematcht!
100 Matches gefunden!
Einhundert!
Bei der letzten Dating App, die Leon benutzt hat, hat er mit genau einer Frau gematcht. Und das hat Wochen gedauert.
In Gedanken klopft er sich auf die Schulter. Vielleicht sind 2.500 Euro doch nicht zu viel Geld für diesen Service.

Nun zeigt ihm die App seine 100 Matches. Er kann nach verschiedenen Kriterien filtern. Er sortiert alle rot- und alle schwarzhaarigen aus; alle Frauen, die mehr wiegen als 60 Kilo; alle die annähernd so groß oder größer sind als er. Es bleiben 23 Frauen übrig. Immer noch eine Menge.
Die verbleibenden Profile schaut er sich genau an. Weniger die Eigenschaften, mehr die Fotos. Am Ende sind drei Frauen übrig.

Wählen Sie die Partnerin für Ihr garantiertes Date – verlangt die App.
Leon ist noch nicht so weit. Wenn er jetzt eine aussucht, heißt das, die anderen beiden abzulehnen. Aber immer wieder kommt er auf Lara zurück. Irgendwie zieht sie ihn an. Lara und Leon. Das klingt auch gut. Sie wird er nehmen.

Er muss auf ihrem Profil ganz nach unten scrollen, um zu dem Date me!-Button zu kommen. Beim Scrollen überfliegt er ihr Profil. Lara liebt Lyrik, steht auf Musiker, macht Ausdauersport, ist Vegetarierin. Leon zuckt die Schultern. Mit Gedichten kann er nichts anfangen. Aber Musik hört er auch gerne. Und Sport mag er auch. Allerdings weniger Cardio und mehr Gewichte. Aber was soll’s? Leon und Lara.
Er klickt auf den Button.

Der Screen wird schwarz. Dann erscheinen Zahlen. Ein Countdown beginnt.
Das Date von Lara und Leon startet in: 29 Tagen 23 Stunden 59 Minuten 59 Sekunden – verkündet der Screen und lässt sich in der App nicht mehr verändern.
Leon schließt die App. Öffnet sie erneut. Wieder erscheint nur der Countdown.
29T 23S 59M 53S
Und jetzt? Warum ist das Date erst in einem Monat? Was soll das alles? Ist er vielleicht doch auf einen Scam hereingefallen?
Gerne würde Leon sich im Fitnessstudio abreagieren. Aber dafür ist es heute schon zu spät. Also geht er schlafen. Morgen wird er herausfinden, was das für ein Betrug ist.

Als Leon am nächsten Morgen mit seiner Sporttasche über dem Arm aus dem Haus tritt, steht direkt vor der Tür ein schwarzer Sprinter. Die Seitentür ist offen. Aber es ist niemand zu sehen. Leon wundert sich noch darüber, da zieht ihm schon jemand einen Sack über den Kopf. Er wird in den Sprinter gestoßen, die Tür geht zu. Er spürt noch einen stechenden Schmerz im Arm, dann gar nichts mehr.

Leon erwacht in einer Zelle. In einer Ecke steht eine Pritsche, darauf liegt eine Gitarre, in der anderen Ecke steht ein kleiner Tisch, davor ein Stuhl, darüber hängt ein Regal. Darauf stehen Bücher. In der dritten steht ein Laufband. In der letzten Ecke steht ein Raumtrenner, dahinter befinden sich Dusche, WC, Waschbecken. Eine Zahnbürste, Zahnpasta, Seife, Klopapier.
Über der Pritsche ist ein Display in die Wand eingelassen. Ein Countdown läuft dort herunter.

29T 12S 24M 03S
Was?
Leon geht zur Tür und hämmert dagegen.
„Lassen Sie mich raus!“
Keine Reaktion. Doch als Leon sich wieder umdreht, hat sich das Display verändert. Der Countdown ist weg. Nun steht dort nacheinander:
10k run
Lyrik rezitieren
Gitarre spielen

Dann erscheint wieder der Countdown.
Leon schüttelt den Kopf. „Ihr könnt mich mal!“
Er geht zu der Pritsche herüber, nimmt die Gitarre und zertrümmert sie auf dem Boden.
Der Countdown verschwindet wieder. Stattdessen steht dort nun in roten Buchstaben: WARNUNG! FEHLVERHALTEN ENTDECKT! LEGEN SIE SICH AUF DEN BODEN!
Leon zeigt dem Display den Mittelfinger. „Du kannst dich selbst auf den Boden legen!“
Da hört Leon ein Zischen. Er blickt sich um. Aus einer Ecke des Zimmers strömt Gas herein. Es nimmt Leon den Atem. Dann kippt er um.

Leon kommt zu sich. Er liegt auf dem Boden. Der Raum sieht wieder so aus, wie nach seinem ersten Aufwachen. Die kaputte Gitarre ist weg. Eine neue liegt auf der Pritsche. Aber jetzt hat Leon eine Beule am Kopf. Er hätte sich doch auf den Boden legen sollen.
Leon geht zu dem Bücherregal und schaut sich an, was es hier zu lesen gibt. Sappho, Audre Lorde, Sibylla Schwarz. Hat Leon alles noch nie gehört. Daneben steht ein Gitarrenbuch zum Selbstlernen.
Leon schüttelt den Kopf. Das kann doch nicht wahr sein. Erwarten die wirklich, dass er Gitarre lernt und Gedichte liest? Einen Monat lang? Für ein Date, für das er jetzt schon 2.500 Euro bezahlt hat?
Ihm wurde das Date garantiert! Warum soll er sich darauf vorbereiten?
Sein Blick fällt auf das Laufband. Wenigstens Sport könnte er machen. Also läuft Leon.

Laufen ist nicht sein Lieblingssport. Aber wenigstens ist er in Bewegung. Erst joggt er. Dann geht er. Dann macht er Pause. Dann geht alles von vorne los. Und wieder. Und wieder. Plötzlich stoppt das Laufband unter ihm.
„Was ist los?“ Leon dreht sich zum Display um.
10k run erreicht!
Der Laufband lässt sich an diesem Tag nicht wieder in Gang bringen.
Leon duscht ausgiebig, hämmert so lange gegen die Tür bis seine Hände wund sind. Dann setzt er sich auf die Pritsche. Er wird keine Gedichte lesen. Das können die vergessen.

29T 02S 19M 23S
Leon ist so langweilig, dass er sich die Gitarre nimmt und an den Saiten zupft. Als Teenager hatte er mal Gitarrenunterricht. Das ist schon ewig her. Aber ein bisschen was kriegt er noch zusammen. Er schrammelt eine Weile vor sich hin. Da geht unten in der Tür eine Klappe auf und ein Tablett mit Essen wird über den Boden zu ihm geschoben.
Leon springt auf, rennt zur Tür, trommelt mit den Fäusten dagegen. „Hey! Lassen Sie mich raus?“
Die einzige Reaktion kommt von Leons Bauch. Sein Magen knurrt. Er nimmt sich das Tablett und setzt sich damit an den Tisch. Es gibt gedünstetes Gemüse, Tofu, Bohnen.
Ein Schnitzel wäre Leon lieber. Aber er hat so einen Hunger, dass ihm alles schmeckt.

Nach dem Essen übt er noch weiter Gitarre. Als er merkt, wie sehr ihm die Finger wehtun, wird er wütend. Warum tut er das alles? Warum hockt er hier und übt Gitarre?
Er zertrümmert auch diese Gitarre, wird vom Display dazu aufgefordert, sich auf den Boden zu legen, was er wieder nicht tut.

Als das Gas abgesaugt ist und Leon wieder zu sich kommt, liegt eine neue Gitarre auf seiner Pritsche.
Hat keinen Sinn, denkt er sich und schläft erstmal eine Runde.

28T 14S 44M 28S
Leon ist so langweilig, dass er sich eines der Gedichtbände vornimmt. Er beginnt zu lesen. Versteht kein Wort. Liest das Gedicht erneut und erneut. Er stellt fest, dass nicht nur Gedichtbände in dem Regal stehen, sondern auch Sekundärliteratur. So kommt er der Sache näher.

28T 04S 42M 56S
Leon ist zehn Kilometer gelaufen, hat Gitarre spielen geübt, Gedichte gelesen, vegetarisch gegessen.
Er ist kurz vorm Ausrasten. So kann das nicht weitergehen.
Er stellt sich an die Tür und hämmert dagegen. Erst mit den Fäusten. Dann mit dem Kopf.
Als er das Zischen des Gases hört, lässt er sich schnell auf den Boden sinken. Eine weitere Beule braucht er nicht.

27T 21S 34M 12S
Leon hat jeden Widerstand aufgegeben. Er liest den ersten Gedichtband zu ende und nimmt sich sofort den nächsten aus dem Regal.

26T 08S 57M 55S
Leon kann das erste Übungsstück aus dem Gitarrenbuch flüssig durchspielen.

25T 19S 42M 03S
Leon läuft die zehn Kilometer am Stück.

24T 11S 22M 32S
Leon erkennt den geschmacklichen Unterschied zwischen Tofu und Tempeh.

23T 07S 30M 53S
Leon hat in eine Routine gefunden: Laufen, duschen, lesen, Gitarre. Dann wieder von vorne.

18T 27S 25M 18S
Leon kann das Gedicht An eine Geliebte von Sappho auswendig. Auf griechisch und deutsch.

14T 12S 51M 21S
Leon hat das Gefühl, alleine auf der Welt zu sein. Seine Gedanken kreisen nur noch ums Laufen, Lesen und Musik. Und manchmal um Lara. Er fragt sich, ob sie all das hier wert ist. 2.500 Euro plus ein Monat seines Lebens. Eine Antwort findet er nicht.

8T 20S 05M 49S
Leon schreibt einfache Melodien zu den Gedichten, die er auswendig gelernt hat.

4T 04S 12M 27S
Leon läuft die zehn Kilometer in unter 45 Minuten.

1T 05S 38M 04S
Leon feilt an seiner gesungenen Version von An eine Geliebte.

0T 23S 59M 59S
Die Tür geht auf. Leon darf nach Hause.

0T 00S 00M 01S
Leon betritt das Restaurant, in das ihn die App geführt hat. Lara sitzt bereits an einem Tisch in der Ecke. Sie sieht noch besser aus, als auf dem Foto in der App. Leon geht auf sie zu.
Als sie ihn sieht, steht sie auf, strahlt.
„Hey“, sagt sie. „Ich bin Lara.“
„Leon.“ Sie reichen einander die Hand.
Lara deutet auf den freien Stuhl, setzt sich wieder. Sie deutet auf den Drink, der bereits auf dem Tisch steht. „Sorry, ich musste mir schon was zum Trinken bestellen. Ich war so nervös.“
Leon setzt sich und nickt. Ist er nervös? Eigentlich nicht.
Lara strahlt ihn weiter an. „Ich habe echt nicht geglaubt, dass das funktioniert mit der App“, sagt sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass es jemanden wie dich gibt. Ich meine, du läufst die 10 Kilometer fast auf die Sekunde in meiner Zeit. Du liest, was ich lese. Du …“
Leon schluckt. Woher weiß sie das alles?
„Und als ich gehört habe, wie du An eine Geliebte singst … “ Sie sieht ihm tief in die Augen.
Sie hat eine Aufnahme davon gehört? Leon will wütend werden. Aber er kann nicht. Er kann sie nur anstarren.
Wie schön sie ist. Sappho kommt ihm in den Sinn. Selig, gleich den Himmlischen, scheinet mir der Mann zu sein, der dir gegenüber sitzend deiner Stimme liebliche Töne trinkt und deines Lächelns Reize sieht.
Ich bin dieser Mann, denkt Leon. Und alles andere ist vergessen.