Zwei Jahre ist es her, dass Reinhard verschwunden ist. Aus unserem Haus, aus meinem Leben, scheinbar von dieser Welt. Vor genau 720 Tagen war er einfach weg. Ich stehe in der Küche am Fenster mit einem Glas Eistee in der Hand und schaue in den Garten hinaus.
Das war sein Garten, sein Projekt. Er wollte immer einen Rosengarten. Der Duft von tausend Blüten, die ums und ins Haus strömen – davon hat er immer geträumt.
Rosen gibt es im Garte nicht mehr. Ich habe es nicht über mich gebracht, sie zu behalten, sie zu pflegen. Dafür gibt es Kräuter und Gemüse. Von hier aus kann ich Schnittlauch und Salbei sehen, und dass die Radieschen sprießen.
Ich nehme einen Schluck Eistee. Die kalte Süße tut gut. Ich bin nur hereingekommen, um mich zu erfrischen. Gleich gehe ich wieder hinaus und baue das nächste Hochbeet zusammen. Salat soll da rein. Salat fehlt mir noch in meinem Bauerngarten. Reinhard hat nie Salat gegessen. Hasenfutter, hat er immer gesagt. Wenn es nicht ein totes Tier oder mit Käse überbacken war, dann war es für ihn keine vollwertige Mahlzeit.
Es hat sich so viel verändert in den letzten zwei Jahren. Nicht nur im Garten. Dieses Haus ist jetzt nur noch mein Zuhause. Mein Heiligtum. Meins.
Reinhards Spuren sind verblasst. Im Garten, im Haus, an mir. In den ersten Wochen nach seinem Verschwinden hielt mich eine innere Unruhe wach. Seit einigen Monaten schlafe ich wieder durch.
Ich trinke den letzten Schluck Eistee, stelle das Glas auf die Anrichte, ohne es abzuspülen. Reinhard hat das gehaßt. Jedes Glas musste direkt ausgespült und verkehrt herum auf die Abtropffläche gestellt werden. Das war ihm wichtig. So wichtig.
Jetzt ist nur noch wichtig, was mir wichtig ist.
Ich will gerade wieder in den Garten gehen, da höre ich ein Auto. Ich werfe einen Blick auf die Straße. Das Auto hält vor dem Haus. Die Tür geht auf. Mein Schwiegervater steigt aus.
Er kommt mich regelmäßig besuchen. Er braucht jemanden, mit dem er über Reinhard sprechen kann. Er denkt, dass ich die Richtige dafür bin. Ich will schon Kaffee aufsetzen, da sehe ich, dass er nicht – wie sonst – direkt zur Haustür kommt. Er steht neben seinem Auto, stemmt die Hände in die Hüften und blickt auf den Boden. Seine Schultern heben und senken sich. Weint er?
Ich laufe zur Haustür und gehe ihm durch den Vorgarten entgegen.
„Otto?“
Er dreht sich zu mir um, versucht zu lächeln. Doch es gelingt nicht recht. Sein Gesicht sieht verzerrt aus.
„Was ist los? Geht es dir nicht gut?“
Er winkt ab und macht ein paar Schritte auf mich zu.
„Es ist Reinhard“, sagt er und mir bleibt das Herz stehen. Haben sie ihn gefunden? Ist Reinhard wieder da? Eine kalte Angst packt mich.
„Was ist mit Reinhard?“
Otto schließt mich fest in die Arme. Der beste Schwiegervater, den man sich wünschen kann.
„Reinhard ist wieder da.“
„Was?“ Die kalte Angst wird zur blanken Panik. „Das … Nach zwei Jahren? Das kann doch nicht …“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist unmöglich. Wie? Warum?
„Sie haben ihn gefunden“, sagt Otto heiser. „Zwei Kinder haben ihn gefunden. Im See.“
„Was?“ WAS? „Im See? Das ist unmöglich. Das kann nicht sein. Das … das kann doch nicht sein. Reinhard ist tot.“
Otto presst mich noch etwas fester an sich. „Ja. Reinhard ist tot. Er ist es. Die Polizei ist sicher. Sie haben ihn heute früh aus dem See gezogen.“
Aus dem See? Das kann nicht sein. Es kann nicht sein! Das ist nicht, wo ich ihn entsorgt habe.