Sie geht immer über den Friedhof. Jeden Tag. Es ist der kürzeste Weg von ihrer Wohnung zur U-Bahnhaltestelle und zurück. Wenn sie morgens zur Arbeit geht und am Nachmittag wieder nach Hause kommt, dann ist es noch hell. Heute nicht. Heute ist sie länger im Laden geblieben. Der Chef musste früher nach Hause, das Kind ist krank. Also ist sie geblieben und hat den Laden zugemacht. Alles abgeschlossen. Dreimal kontrolliert.
Jetzt ist es dunkel und sie seht vor dem Tor zum Friedhof. Wenn sie diesen Weg nimmt, dann ist sie in fünf Minuten zu Hause. Wenn sie den Umweg macht, an der Friedhofsmauer entlang, dann wird es noch eine halbe Stunde dauern.
Hinter dem Tor ist es düster. Es gibt nur ein paar Lampen auf dem Friedhof. Ausgerechnet die gruseligsten Gräber sind beleuchtet. Das mit dem Engel auf der Grabplatte, der mit schmerzerfülltem Gesicht auf die Vorbeigehenden hinabblickt. Und das Grab mit dem gemeißelten Kindergesicht.
„Komm.“ Hat da jemand gesprochen? Nein, das muss sie sich eingebildet haben. Außer ihr ist niemand hier.
Innerlich spricht sie sich Mut zu. Der Weg ist doch der gleiche. Bei Tag und bei Nacht. Auf dem Friedhof ist jetzt nichts, was bei Sonnenschein nicht auch da ist. Warum also nicht über den Friedhof gehen wie immer?
„Komm doch.“ Ein Raunen. In ihrem Kopf? Es muss der Wind gewesen sein. Keine Stimme. Sie hat es sich eingebildet. Trotzdem kribbelt es in ihrem Nacken.
Sie steht da und blickt die Straße herunter. An der Straße gibt es alle paar Meter eine Lampe. Es ist hell. Sie wird den längeren Weg nehmen. Was sollt.
Sie macht ein paar Schritte, da donnert es. Und sofort setzt der Regen ein. Es prasselt nur so auf sie herunter.
Verdammt, denkt sie sich. Wenn sie den langen Weg nimmt, dann ist sie komplett durchnäßt, bis sie zu Hause ist. Dann erkältet sie sich sicher wieder und kann tagelang nicht zur Arbeit.
Sie geht zurück zum Tor.
„Hier entlang.“ Nun hat sie es deutlicher gehört. Zwar ein Flüstern, aber doch deutlich. Das war nicht der Wind. Oder doch?
Wieder schaut sie sich um. Es ist niemand zu sehen. Trotzdem hat sie das Gefühl, nicht allein zu sein.
Angestrengt schaut sie in die Dunkelheit, der die Gräber umgibt. Kann sie dort etwas ausmachen, was tagsüber nicht dort ist? Nein. Es sieht alles aus wie immer – nur mit weniger Licht. Warum also Angst haben?
Sie weiß es nicht. Aber die Angst ist da. Also wendet sie sich wieder der Straße zu und macht sich auf den längeren Weg. Der Regen läuft ihr in den Kragen. Sie schlägt ihn gerade hoch, da blitzt und donnert es über ihr.
Nun hat sie wirklich Angst. Einen Moment bleibt sie stehen. Blitz und Donner. Nein, das kann sie keine halbe Stunde aushalten.
Sie kehrt um. Jetzt zögert sie nicht. Sie schreitet durch das Friedhofstor.
„So ist es recht.“ Sie hört gar nicht darauf. Sie läuft einfach.
Aus dem Schatten zwischen zwei Autos löst sich die Gestalt eines Mannes. Sein Messer hat er bereits aufgeklappt in der Hand, bereit für die Frau, die gerade auf den Friedhof gelaufen ist.
Er wollte sie hier abpassen, zwischen den parkenden Wagen. Aber wenn sie nicht zu ihm kommt, dann kommt er eben zu ihr.
Mit eingezogenem Kopf geht er zum Tor, will schon hindurch gehen. Da hält ihn etwas zurück.
„Wage es nicht.“ Eine Stimme. Oder der Wind?
Es blitzt und er sieht die Frau zwischen den Gräbern rennen. Wenn er sich jetzt nicht beeilt, dann wird er sie aus den Augen verlieren.
Er hebt einen Fuß. Doch die Angst packt ihn im Nacken wie eine kalte Hand. „Wage es nicht.“
Anstatt einen Schritt nach vorne zu machen, macht er zwei zurück.
„Wage es nicht!“ Die Stimme ist so laut, dass es ihn bis ins Mark erschüttert.
Er klappt sein Messer ein, verstaut es in seiner Tasche. Nein, er wird es nicht wagen. Nie mehr.