Goldstück

Max hasst das Pflegeheim. Von außen geht es noch. Klar, die Fassade könnte mal wieder einen neuen Anstrich vertragen, aber die Hochbeete vor dem Haus sind gut gepflegt. Da kümmern sich die Bewohner drum, soweit sie das noch können.

Der Horror beginnt für Max, sobald sich die automatische Tür öffnet. Das könnte auch der Eingangsbereich einer Jugendherberge sein. Nur dass es hier nicht nach pubertären Schülern riecht, sondern nach dem Ende.

Es schüttelt Max, als er durch die Tür tritt. Ab jetzt atmet er nur noch flach und durch den leicht geöffneten Mund. Sonst kann er es nicht aushalten. Er weiß, dass er empfindlich ist, aber empfindlich sein ist immer noch besser, als das Ende zu riechen.

Wenn Max früher Oma Ilse besucht hat, dann hat es nach Kaffee gerochen, nach Holunderblüten oder nach Regen. Aber Oma Ilse hält keine Kaffeekränzchen mehr ab und einen Garten hat sie auch nicht mehr.

Max nimmt die Treppe in den dritten Stock, auch wenn es zwei Fahrstühle gibt. Es kommt ihm falsch vor, den Aufzug zu nehmen, wo er doch funktionierende Beine hat.

Um zum Zimmer seiner Oma zu kommen, muss Max erstmal durch den Gemeinschaftsraum. Wie bei jedem seiner Besuche sitzen hier einige Bewohner. Kaum schiebt Max die Tür zum Treppenhaus auf, recken sie die Hälse und sind dann enttäuscht, dass der Besuch nicht für sie gekommen ist. Manche von ihnen sitzen jedes Mal hier, wenn Max kommt.

Max murmelt einen Gruß und geht so schnell er kann an durch den Gemeinschaftsraum, dann am Schwesternzimmer vorbei. Die kleine Blonde lächelt ihn an und hebt zum Gruß die Hand. Max lächelt zurück, obwohl ihm nicht danach ist.

Er ist nicht sicher, ob sie diejenige war, mit der er vor zwei Wochen telefoniert hat. Er stellt sich aber vor, dass sie es war.

Bevor er ins Zimmer von Oma Ilse geht, klopft Max an. Lang, kurz, kurz, kurz, lang, kurz, kurz. Das ist ihr geheimes Klopfzeichen. Dann weiß sie, dass er es ist. So hat er schon bei ihr geklopft, als er noch ein Junge war. Dann hörte er aus ihrer Wohnung ein erstauntes „Das wird ja wohl nicht der Max sein“.
Jetzt hört er gar nichts. Seine Oma hört nicht mehr gut. Oft merkt sie erst, dass sie Besuch hat, wenn Max schon an ihrem Bett steht.

Er schiebt die Tür auf und lugt herein. Oma Ilse liegt im Bett, die Hände auf der Decke. Ihr Mund ist halb geöffnet, die Augen geschlossen.

Max geht zu ihrem Bett, zieht sich einen Stuhl heran und berührt vorsichtig ihre Hand.
„Oma?“ Einen Moment denkt er, dass er zu spät ist, dass ihr Ende bereits hinter ihr liegt.
Aber dann flattern ihre Augenlider und sie sieht Max an. Mühsam zieht sie ihre Mundwinkel nach oben. „Ach, das ist aber eine Überraschung.“
Max ist erleichtert. Sieht so aus, als hätte sie heute einen guten Tag. Zumindest besser gestern. Da hatte sie ihn nicht nur nicht erkannt, sondern ihn für einen Einbrecher gehalten. Er war nach nur einer Minute wieder auf dem Weg nach draußen gewesen, weil auch die Pflegerinnen sie nicht hatten beruhigen können.

Seit zwei Wochen kommt Max jeden Tag. Manchmal bleibt er eine Stunde, dann erzählt Oma Ilse ihm Geschichten aus ihrer Kindheit oder aus seiner. Manchmal bleibt er nur kurz, weil sie schläft oder eben nicht weiß, wer er ist.
Trotzdem kommt er am nächsten Tag wieder. Eine Pflegerin hat ihm vor zwei Wochen am Telefon gesagt, dass es nicht mehr lange dauern kann mit seiner Oma. Eine paar Tage, hat sie gesagt. Dass sich das Ende nun schon zwei Wochen hinzieht, sieht Oma Ilse ähnlich. Sie hat einen starken Willen und wenn sie noch nicht gehen will, dann wird sie bleiben.

Oma Ilse seufzt und versucht, sich aufzurichten. Sie greift mit ihrer zweiten Hand nach seiner und drückt sie fest.
Kraft hat sie noch, denkt Max. Es ist kein Wunder. Sie hat es nicht leicht gehabt im Leben. Sie ist jung Witwe geworden, hat Max’ Vater und dessen Bruder allein großgezogen, musste immer arbeiten. Körperlich schwere Arbeit. Erst als Krankenschwester, dann – als sie in Rente war – in ihrem Garten. Obstbäume hat sie da gepflegt und Gemüse angebaut. Heute ist das wieder hip, denkt Max. Heute würde man sie eine Selbstversorgerin nennen. Als Kind musste er in ihrem Garten helfen. Kartoffeln stecken im Mai. Im Herbst dann die Ernte. Bei ihr hat er gelernt, wie man flicht. Nicht Haare, sondern Zwiebeln und Knoblauch. Als Junge hat er so getan, als würde ihn das nicht interessieren. Aber insgeheim hatte er immer Spaß in Oma Ilses Garten.
Bei der Erinnerung daran, muss Max lächeln. Der Garten war für ihn immer eine Oase, ein grüner Fleck in der sonst so grauen Stadt. Ein Ort, an dem er alles Naschen durfte, was er wollte. Egal ob es Johannisbeeren direkt vom Strauch, Karotten direkt aus der Erde oder Süßigkeiten direkt aus der Verpackung waren.

Max ist nicht das einzige Enkelkind. Aber er ist das liebste, das weiß er. Er und seine Oma sind ein Team. Und er ist ihr Goldstück.
Das hat sie früher immer zu ihm gesagt und damals war ihm das peinlich. Jetzt nicht mehr. Jetzt wünscht er, sie würde ihn nochmal so nennen. Aber an den meisten Tagen, kriegt sie nicht mal mehr seinen Namen auf Anhieb zusammen. Dann bildet sie eine Kette aus allen Namen, die ihr einfallen, bis sie den richtigen trifft.

Max und seine Oma.

Er sieht sie an. Sie ist wieder zurück aufs Kissen gesunken und sieht aus, als würde sie gleich wieder einschlafen. Vorsichtig streichelt Max ihre Hand. Ihre Haut ist warm und trocken. Trotzdem kommt sie ihm nicht vor wie etwas Lebendiges.

Max ermahnt sich, dass er nachher eine Nachricht an seinen Bruder schickt. Der wohnt in München und will auf dem Laufenden gehalten werden. Herkommen will er nicht.
„Zu viel zu tun. Die Arbeit, du verstehst.“
Max versteht, dass es Leute gibt, denen die Arbeit wichtiger ist, als die sterbende Oma. Und er versteht, dass sein Bruder dazu gehört.
Wenn er über seine Wut hinweg ist, dann muss er zugeben, dass sein Bruder und seine Oma ein anderes Verhältnis haben. Nicht so innig wie er und Oma Ilse.
Max erinnert sich nur an einen Streit, den er jemals mit ihr hatte. Er hatte in ihrem Garten Blumen gepflückt. Sie hatte eine kleine Ecke mit besonders schönen Exemplaren. Jede einzelne Blume war damals fast so groß gewesen wie Max. Die Blütenstände hatten ihn an Weintrauben erinnert, nicht nur weil sie lila waren, sondern auch eine Traube bildeten. Die Blüten selbst hatten die Form eines Federbusches. So zumindest hat Max es in Erinnerung.
Er hatte Oma Ilse einen Strauß schenken wollen, um ihr eine Freude zu machen. Aber sie war zu ihm gerannt, hatte ihm die Blumen aus der Hand gerissen und ihn angefahren, dass er nie wieder hier pflücken sollte. Niemals.
Max hatte geweint und sich entschuldigt. Oh, war Oma Ilse sauer gewesen. Sie hatte ihn an den Handgelenken gepackt und ihn gezwungen, seine Hände zu waschen. Fünfmal. Erst dann hatte sie sich beruhigt und ihm erklärt, dass sie die Blumen lieber im Beet habe als in einer Vase.
Danach hatte er nie wieder Blumen in ihrem Garten gepflückt und sie hatten nie wieder Streit gehabt.

Mit einem Seufzer schlägt Oma Ilse die Augen wieder auf.
„Oh, Martin“, sagt sie. Martin, das ist Max’ Vater. Mit dem verwechselt Oma Ilse ihn am häufigsten. „Es tut mir so leid.“
Max tätschelt ihre Hand. „Schon gut.“
Aber Ilse schüttelt den Kopf. „Nein. Es ist nicht gut. Es ist nicht gut. Es war nicht richtig, ihn dir wegzunehmen.“
In den letzten Tagen geht es ihr oft darum, Martin etwas weggenommen zu haben. Was genau, das weiß Max nicht.
„Ist schon gut“, sagt Max ruhig. „War nicht so wichtig.“
Oma Ilse nickt. „Doch, doch. Für euch wäre er schon wichtig gewesen. Aber …“ Jetzt schluchzt sie.
„Oma?“ Max beugt sich zu ihr, will sie umarmen.
Da lacht Ilse und ist für einen Moment wieder die Alte. Oder besser gesagt, die Junge. „Oma. Wie komme ich denn zu der Ehre? Da musst du ja erstmal eine Frau finden, Martin.“ Sie schüttelt den Kopf. „Aber eins sage ich dir. Wenn du eine findest, dann behandelst du die gefälligst besser, als dein Vater mich behandelt hat.“
Max nickt. Er hat seinen Großvater nie kennengelernt. Aber was er von seinem eigenen Vater über ihn weiß, ist das kein großer Verlust.
„Oh, Martin“, seufzt Ilse. „Es tut mir so leid.“
Auch Max seufzt. Die Gespräche mit ihr, die immer im Kreis herumgehen, sind die anstrengendsten. Immer wieder auf das Gleiche zu antworten, macht ihn mürbe. Es kommt ihm vor, wie in einer Zeitschleife gefangen zu sein. Aus dem Gespräch heraus kommt er erst, wenn er das Richtige sagt.
„Es braucht dir nicht leid zu tun“, sagt Max.
„Doch. Es muss mir leid tun. Es war nicht richtig, ihn dir wegzunehmen.“
„Ich habe ihn eh nicht gebraucht“, versucht Max, aus der Schleife herauszukommen.
„Sag nicht sowas, Martin.“ Oma Ilse schaut ihn entsetzt an. „Oh, Martin. Es tut mir so leid.“
„Schon gut“, sagt Max und beißt sich auf die Zunge. Genau das gleiche hat er doch gerade schon gesagt. So wird er nicht aus diesem Gespräch herauskommen.
„Nein. Es ist nicht gut. Es ist nicht gut! Es war nicht richtig, ihn dir wegzunehmen.“
„Nein, das war es nicht“, sagt Max jetzt.
Oma Ilse schaut ihn an. Traurig sieht sie nun aus. „Nein, das war es nicht“, wiederholt sie seine Worte.
„Du hättest ihn mir nicht wegnehmen dürfen“, schiebt Max nach.
Nun weint Oma Ilse. Sie schluchzt nicht, lässt nur die Tränen ihre Wangen hinunterrollen. „Du hast recht. Aber ich wußte nicht, was ich sonst hätte machen sollen. Es gab ja keine Hilfe wie heute. Wo die Frauen einfach gehen können.“
Max schluckt. Wie bitte?
„Ich konnte es mit ihm einfach nicht mehr aushalten. Aber von ihm weg konnte ich doch auch nicht. Ihr wart ja beide noch klein. Und ich hatte Angst, was aus euch wird, wenn er mich totschlägt.“
Max sieht ihr in die Augen. Die sanften Augen seiner Oma Ilse, die ihm jetzt so fremd sind.
„Ich habe den Eisenhut noch im Garten, weißt du? Weil ich immer dachte, wenn ihr mal groß seid, du und dein Bruder. Wenn jeder von euch eine gute Frau gefunden hat, dann zerreibe ich mir die Blüten und mische sie mir ins Essen. Dann weiß ich wenigstens genau, was ich deinem Vater angetan habe. Aber … Ich war schon lange nicht mehr im Garten. Ob der Eisenhut noch da ist?“

Den Garten gibt es seit drei Jahren nicht mehr. Eine Familie mit drei kleinen Kindern hat ihn übernommen. Max erinnert sich an die Übergabe, die er machen mußte, weil Oma Ilse bereits im Pflegeheim war. Die Frau ging durch den Garten und deutete für ihren Mann mehrere Pflanzen heraus. „Das muss raus, das muss raus, das muss raus.“ Alles mögliche wollte sie aus dem Garten entfernt haben, der Eisenhut, der mit den lila Blüten, war auch darunter. Offensichtlich kannte sie sich aus.
Max nickt. „Natürlich ist der Eisenhut noch da. Wenn du ihn brauchst, können wir welchen holen.“
Ilse nickt. „Bist du böse mit mir?“
Max schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht.“
Oma Ilse streckt ihre warme, trockene Hand nach ihm aus und berührt in zart an der Wange. „Dann sei doch so gut, und hole mir ein paar von den Blüten. Könntest du das machen?“
Max nickt. „Natürlich.“
„Du bist doch mein Goldstück.“ Sie lässt sich aufs Kissen sinken und schließt die Augen ein letztes Mal.