Eurydike

Das Licht in der Bar ist schwummrig. Die Musik läuft noch. Doch der Stimmengewirr, das die ganze Nacht hier vorgeherrscht hat, ist verstummt. Die Barfrau wischt die Theke ab. Die vorletzten Gäste stolpern hinaus.
Nur in einer Ecke sitzt, eng umschlungen und seit Stunden abwechselnd in ihre Unterhaltung oder einen Kuss vertieft, ein Paar.
Die Barfrau kommt zu den beiden herüber, legt ihnen die handgeschriebene Rechnung samt Kugelschreiber auf den Tisch, räumt die Shotgläser ab, klopft damit dreimal auf den Tisch.
Widerwillig lösen die beiden sich voneinander.
„Ich glaube, die schmeißt uns raus“, flüstert sie und kichert. Ihre Wangen glühen, sie strahlt.
Er hat so etwas wie heute Nacht noch nie erlebt. Er kennt diese Frau erst wenige Stunden, weiß nicht einmal ihren Namen, und trotzdem ist er ihr total verfallen. Er muss sie wiedersehen.
Er schnappt sich den Stift vom Tisch, nimmt ihre Hand und kritzelt ihr seine Telefonnummer auf den Unterarm.
„Vielleicht rufst du mich mal an.“ Er küsst sie noch einmal, steht dann auf und reicht ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
Sie lächelt ihn an. „Vielleicht folge ich dir jetzt einfach nach Hause.“
Er grinst breit. Er weiß, dass er zu viel getrunken hat und dieser wunderbaren Fremden einfach ein Taxi rufen sollte. Trotzdem nimmt er ihre Hand, zieht sie auf die Füße, führt sie in Richtung Ausgang.
An der Bar bleibt er stehen und kramt sein Geld aus der Tasche.
„Ich komme gleich.“ Mit einer Kopfbewegung deutet sie in Richtung Toiletten.
Er legt das Geld auf die Theke und schaut ihr hinterher. Er kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Zumindest nicht, bis er den genervten Blick der Barfrau sieht, die vermutlich etwas mehr Trinkgeld erwartet hatte.
„Ich warte draußen“, sagt er.
„Aber nicht abhauen“, ruft sie ihm über die Schulter hinterher.

Die kalte Nachtluft lichtet den Schleier aus Alkohol und Vorfreude in seinem Kopf. Kurz schließt er die Augen und atmet tief ein. Er streicht sich die Haare glatt und schaut an sich herunter, knöpft die drei obersten Hemdknöpfe wieder zu, die sie ihm vorhin aufgemacht hat. Sein ganzer Körper kribbelt bei der Vorstellung, dass sie das noch einmal tun wird, gleich, wenn sie seine Wohnung erreicht haben. Gerade will er sich der Bar zuwenden, um noch einen Blick auf seine Reflexion im Fenster zu erhaschen, da hört er die Stimme.
„Dreh’ dich nicht um.“
Ein kalter Schauer läuft ihm den Rücken herunter. Trotzdem lacht er auf. Das muss ein Scherz sein, denkt er. Sie steht sicher hinter ihm und verstellt ihre Stimme. Gleich wird sie ihm mit den Händen die Augen verdecken, seinen Nacken küssen, sich vielleicht auf seinen Rücken schwingen.
Aber die Berührung bleibt aus. Stattdessen ist da nur wieder die Stimme. Tief und kehlig. „Geh! Und drehe dich nicht um.“
Ohne es recht zu wollen, macht er ein paar Schritte, nicht weit, nur bis zur nächsten Straßenecke. Dort bleibt er stehen, lauscht, ob jemand hinter ihm geht. Doch da ist niemand. Keine Schritte. Nichts.
Schon will er sich umdrehen, da grollt die Stimme erneut: „Wenn du sie wiedersehen willst, drehe dich nicht um. Lauf!“
Er zuckt zusammen, stolpert vorwärts. Etwas in dieser Stimme lässt ihn gehorchen.
Und nun wird er verfolgt. Ein Flüstern und Zischen begleitet ihn. „Er kennt sie doch kaum“, zischt es. Und: „Was will sie nur mit ihm?“
Er wird schneller. Dem Tuscheln entkommt er nicht.
Er rennt die Straße hinunter und merkt bald, dass ihm die Puste ausgeht. Um ihn herum schwankt es. Plötzlich ist ihm schlecht. Er muss anhalten, zu Atem kommen. Er hält sich an einem der parkenden Autos fest und beugt sich nach vorne, doch noch muss er sich nicht übergeben.
Als er sich wieder aufrichtet, bemerkt er am Rand seines Sichtfeldes die Spiegelung in der Seitenscheibe des Autos. Vielleicht muss er sich nicht umdrehen, um zu sehen, wer ihm da folgt. So langsam wie nur möglich dreht er den Kopf.
Doch gerade, als die Spiegelung eines Schattens in sein Blickfeld kommt, ist da wieder diese Stimme. Diesmal ist es ihm, als wäre sie in seinem Kopf.
„Ich warne dich!“
Er geht weiter. Verfolgt von den flüsternden Stimmen, die seine Motive anzweifeln.
„Er will sie gar nicht.“
„Er hätte sie sowieso zurückgelassen.“
Etwas weiter die Straße herunter steht ein Auto mit dem Heck in seine Richtung. Vage kann er sehen, was der Seitenspiegel reflektiert. Wenn er noch ein paar Schritte näher kommt, wird er sehen, wer – oder was – hinter ihm ist.
Er geht weiter. Direkt auf den Spiegel zu. Das Flüstern wird lauter. Das Zischen schwillt zu einer solchen Lautstärke an, dass es ihm in den Ohren schmerzt.
Gerade will er in den Spiegel schauen, da kreischt es um ihn herum.
Schrill.
Ohrenbetäubend.
Der Spiegel zerbirst und er rennt los.
Er sprintet über die Straße, ohne sich umzuschauen. Gleich ist er zu Hause. Gleich.
Im Rennen kramt er seinen Schlüssel aus der Tasche. Er muss sich zwingen, sich nicht umzuschauen, als er im Hauseingang steht. Mit zitternden Händen schließt er auf und stürzt hinein. Für einen Augenblick wähnt er sich in Sicherheit. Doch dann hört er die Stimmen in gleicher Intensität wie draußen.
Er rennt die Treppe hinauf, hält den Blick dabei stur geradeaus gerichtet. Da ist endlich seine Wohnungstür. Schnell hindurch.
Er knallt die Tür hinter sich zu. Schnaufend lehnt er sich dagegen.

Als sein Atem sich etwas beruhigt hat, horcht er.

Stille.

Er muss grinsen. Er hat sich das alles nur eingebildet. Der Alkohol. Die Vorfreude auf eine wilde Nacht mit einer fremden Frau.
Da klingelt sein Handy und er zuckt zusammen. Er zieht das Handy aus der Tasche. Ein Video-Call von einer unbekannten Nummer.
Zögerlich nimmt er den Anruf an. Auf seinem Display erscheint die Fremde aus der Bar. Hinter ihr erkennt er noch die Leuchtschrift der Bar.
„Wo bist du?“ Sie ist ganz offensichtlich genervt.
Ganz im Gegensatz zu ihm, der erleichtert seufzt. „Ich bin schnell vorgelaufen, um noch aufzuräumen“, behauptet er, stößt sich von der Tür ab und geht in seine Wohnung hinein. „Bleib einfach, wo du bist, ich hole dich …“
Etwas in ihrem Blick lässt ihn inne halten. Sie starrt ihn entsetzt an. Nein, nicht ihn. Sie starrt an ihm vorbei, auf etwas, hinter ihm.
Er dreht sich um.
Hinter ihm ist nichts. Nur der leere Flur.
Da gellt ein Schrei aus dem Handy. Er reißt es nach oben und sieht gerade noch, wie ein schwarzer Nebel die Fremde einhüllt.