Das Ringlight ist an. Die Kamera läuft. Mona wirft noch einen Blick in den Spiegel. Sie hat Make up aufgelegt – nur dezent. Sie will nicht wieder Follower verlieren. Sie sieht sich im Spiegel lächeln, dimmt das Lächeln etwas. Wie gesagt: Sie will nicht wieder Follower verlieren.
Ein Script braucht sie für dieses Video nicht. Es ist nur der allmorgendliche Gruß an ihre Community.
„Guten Morgen“, sagt sie und hat Schwierigkeiten, ihre gute Laune im Zaum zu halten.
Es ist ein guter Morgen. Vor einer Stunde ist sie erfrischt aufgewacht, keine Albträume in der Nacht und keine bleierne Last auf ihrer Seele. Ihr erster Gedanke galt dem Mann, neben dem sie aufgewachte, nicht dem, den sie vor mehr als drei Jahren zu Grabe getragen hat.
Dass sie mit vierzig schon Witwe sein würde, hätte sie nie gedacht, und nie damit gerechnet, dass sich ihr Leben nach dem Tod ihres Mannes so verändern würde.
Als sie die Nachricht erhielt, dass Alex bei einer Massenkarambolage auf der A3 ums Leben gekommen war, da war ihre Welt zusammengebrochen. Die Tage und Wochen danach waren so schwarz gewesen, dass es ihr heute unwirklich erscheint.
„Guten Morgen.“ Sofort schüttelt sie den Kopf. Das klang abwesend. Sie ist in Gedanken.
Damals hatte sie sich nicht vorstellen können, die Kinder ohne Alex großzuziehen, das Haus ohne Alex abzubezahlen, jemals wieder glücklich zu werden ohne Alex.
Social Media hatte sie aus dieser Dunkelheit geführt. Sie hatte nur mit irgendwem reden wollen. Und weil da niemand war, hatte sie sich dem Internet anvertraut. Daraus war ein Following geworden und bald schon eine Einnahmequelle. Inzwischen ist Griefluencer Monas Beruf. Mindestens dreimal am Tag postet sie ein Video von sich. Abends ein Update über ihre Trauer, die Fortschritte, die die Kinder in der Therapie machten, ihr Leben im Allgemeinen. Mittags beantwortet sie Fragen aus ihrer Community. Oft von andere Witwen, die wissen wollen, wie Mona mit bestimmten Situationen umgeht. Manchmal sind es praktische Fragen zum Thema Beerdigung oder Lebensversicherungen, manchmal auch einfach nur Lob- und Dankesreden, die Mona dann vorliest, nur um sie zu relativieren und den Dank an ihre Follower zurückzugeben.
Morgens postet sie einen kleinen Gruß, so wie jetzt. Mona räuspert sich.
„Guten Morgen“, das klingt schon besser. „Es ist ein wunderschöner Morgen bei uns. Die Sonne scheint. Die Vögel zwitschern und trotzdem …“ Sie senkt den Blick – aus Gewohnheit. Sie muss nicht weinen, doch noch vor wenigen Wochen hätte sie an dieser Stelle geweint und aus Scham den Blick von der Kamera abgewendet. Nun wollen die Tränen nicht mehr kommen. Für Mona hat es sich ausgeweint. Trotzdem senkt sie den Blick. „In mir sieht es nicht so frühlingshaft aus. Das könnt ihr euch sicher vorstellen.“ Sie setzt ihr professionellstes „tapferes Lächeln“ auf. „Ich hoffe, euch geht es da anders.“ An dieser Stelle winkt sie in die Kamera. Das war’s. Das erste Video des Tages ist im Kasten. Schnell den Anfang weggeschnitten, Filter und rührige Musik drüber gelegt und hochgeladen. Fertig.
In der Küche wartet Fabian mit dem Frühstück. Sonntags holt er immer schnell Brötchen und deckt den Tisch, während Mona ihren Morgengruß filmt. So auch heute.
Mona lässt sich auf einen Stuhl fallen und seufzt.
„Die Kinder schlafen noch“, sagt Fabian.
Mona lächelt. Sie weiß, dass das nicht stimmt. Der kleine hat sicher eine Schüssel Schokomüsli ans Bett getragen bekommen und der Große hockt vermutlich schon am PC und zockt. Heute ist es ihr egal. Heute sollen die beiden machen, was sie wollen.
Fabian stellt ihr eine Tasse Kaffee hin und küsst ihren Nacken.
Sie liebt diesen Mann. Und bald wird sie ihn heiraten. Noch hat er sie nicht gefragt, aber besprochen haben sie schon alles. Er wird es als große romantische Geste planen und dafür sorgen, dass alles auf Video aufgezeichnet wird. Vielleicht kann sie das irgendwann als Content verwenden.
Die erste Nachricht geht ein. Es ist der reine Reflex, der Mona zum Handy greifen lässt. Schon fünfzehn Reaktionen auf ihr Video. Zwanzig. Vierzig.
Mona trinkt einen Schluck Kaffee und öffnet die App. Jede Menge Likes und auch schon die ersten Kommentare. Die meisten davon bestehen aus wenigen Worten oder nur aus Emojis. Doch da ist ein längeres Kommentar.
„Kannst du das nicht weglegen?“ Fabian sieht Mona auffordernd an.
„Gleich.“ Mona überfliegt die Nachricht und sofort schießt ihr die Hitze in die Wangen. „Jetzt bist du wohl offiziell über Alex hinweg. 😟 Hätte man vielleicht ein bißchen weniger trashig verkünden können, als mit den Boxershorts vom Neuen im Hintergrund.“
Mona sieht sich das Video an, das sie gerade hochgeladen hat. Tatsächlich liegen hinter ihr auf dem Boden des Schlafzimmers Fabians Boxershorts.
„Fuck“, sagt sie.
Fabian nimmt ihr das Handy aus der Hand und legt es zur Seite.
„Iß doch erstmal was.“ Er setzt sich ihr gegenüber an den Tisch und greift in die Tüte vom Bäcker.
Mona hat keinen Hunger mehr.
„Du kannst nicht deine Sachen überall rumliegen lassen“, pflaumt sie ihn an.
Sie weiß, dass es ihre Schuld ist. Sie wollte das Video einfach schnell hochladen und hat es nicht noch einmal angeschaut. Das alles ist schon viel zu sehr Gewohnheit, als dass sie noch auf jedes Details achten würde. Trotzdem ist es angenehmer, Fabien die Schuld zu geben und auf ihm rumzuhacken.
Fabian sieht sie erstaunt an. „Wo habe ich … ?“
Mona winkt ab. „Egal. Vergiss es.“
Als Fabian sie weiterhin fragend anschaut, seufzt sie. „Deine Boxershorts hatten einen Gastauftritt in meinem Guten Morgen Video.“
Fabian lacht. „Tut mir leid. Ich räume sie in Zukunft gleich in die Wäsche.“
Mona nickt und nimmt einen weiteren Schluck Kaffee. Einen Moment überlegt sie, ob sie das Video löschen soll. Vielleicht wäre es besser.
Sie greift nach dem Handy und öffnet die App erneut. Obwohl das Video erst wenige Minuten online ist, wurde es bereits zwanzig Mal geteilt. Eine andere Griefluencerin hat sogar schon ein Reaction-Video dazu gemacht. Ausgerechnet die Nutzerin mit dem Namen „Shanti in Schwarz“ – selbst Witwe mit Anfang dreißig -, die es regelmäßig auf Mona abgesehen hat. Mona ruft das Video auf.
„Unsere liebe Mona ist wohl über ihre Trauer hinweg. Glückwunsch, kann ich da nur sagen.“ Shantis Stimme trieft vor Sarkasmus. „Es geht ja schon länger das Gerücht rum, dass sie eine neue Liebe gefunden hat. Dass er offenbar schon bei ihr eingezogen ist, sagt uns dann wohl alles. Traurig ist bei Mona nur noch, dass sie einerseits tut, als sähe es in ihr immer noch trist aus, dabei ist wohl nicht nur vor ihrer Haustür der Frühling ausgebrochen.“
Mona legt das Handy weg. Fabian ist gar nicht bei ihr eingezogen. Also nicht komplett. Er hat noch seine Wohnung, auch wenn er sechs von sieben Tagen die Woche bei ihr verbringt.
„Alles in Ordnung?“ Fabian steht auf und kommt zu ihr. Er stellt sich hinter sie und massiert ihr die Schultern. „Du solltest nicht so viel arbeiten“, sagt er und Mona kann nicht anders, als zu nicken. „Wie wäre es, wenn du eine Runde joggen gehst und mir für eine Stunde das Haus und die Kinder überlässt. Draußen blüht doch schon alle, da kannst du unterwegs noch ein bißchen Content filmen. Und wenn du zurück kommst, sieht die Welt schon anders aus. Dann hast du vielleicht auch wieder Hunger.“
Mona greift nach seiner Hand und küsst sie. Er hat recht. Er hat ja immer recht.
Schnell zieht Mona ihre Laufklamotten an und schlüpft in ihre Turnschuhe. Sie ist schon fast aus der Tür, da wirft sie noch einen Blick in die Küche.
Fabian hat das Radio angemacht, summt etwas schräg einen Hit aus den 80ern mit und räumt tanzend den Tisch ab. Wie sehr sie diesen Mann liebt. Einen Moment ist sie ganz unbeschwert. Dann fällt ihr Shanti in Schwarz wieder ein. Die Schlange. Soll sie doch weiter um ihren Mann trauern. Mona ist in ihrer Entwicklung einfach schon einen Schritt weiter. Sie zieht das Handy aus der Tasche und filmt Fabian, wie er gedankenversunken aufräumt. Das ist mal Content. Schnell postet sie das Video mit der Caption: „Ja, es stimmt. Ich habe ein neues Glück gefunden.“
Als sie die Straße entlang joggt, kommt sie sich wieder leicht vor. Unbeschwert. Frei. Shanti kann ihr gar nichts. Soll sie sich doch auslassen.
Eine Stunde später ist Mona wieder zu Hause. Fabian begrüßt sie an der Tür mit einem Handtuch und einem frisch gepressten Orangensaft. Während Mona sich noch fragt, womit sie einen solchen Mann verdient hat, gehen die Nachrichten auf ihrem Handy ein.
Follower springen ab. Massenweise.
Wie kann man denn mit einem Post so viele Follower verlieren?
Ruhig bleiben, sagt sich Mona. Erstmal abwarten. Die kommen sicher zurück.
Doch das ist ein Irrtum. Als Mona aus der Dusche kommt, hat sie rund zehn Prozent ihrer Follower eingebüßt.
Nur weil sie einen neuen Freund hat? Das will sie nicht glauben.
Doch in den nächsten Tagen verhärtet sich dieser Trend. Die Fragen aus der Community drehen sich ausschließlich um Fabian und darum, wie Mona nur die Erinnerung an Alex so mit Füßen treten kann.
Online tut Mona, als wäre es ihr egal und geht in die Offensive. Sie spricht in ihren Updates über die Bedeutung eines Neuanfangs, über neue Liebe und darüber, wie sie die Trauer um Alex mit der Liebe zu Fabian vereinbaren kann. Immer mehr Follower springen ab.
Am Monatsende macht es sich dann im Umsatz bemerkbar. Einbußen von fast dreißig Prozent über alle Plattformen. Darüber können auch Fabians Massagen nicht hinwegtrösten.
Freitag Abend sitzen Mona und Fabian gemeinsam mit den Kindern beim Filmabend auf dem Sofa. Die Stimmung ist ausgelassen, der Film witzig, aber Mona bekommt davon kaum etwas mit. Die Kommentare unter ihren letzten Videos hängen ihr nach.
Schön, dass du deine Trauer überwunden hast. Ich leider noch nicht. Unfollow.
Das ist gar nicht mehr die Mona, für die ich hier bin. Unfollow.
Das kann ich im Moment leider nicht ertragen. Unfollow.
Die Kinder brechen in Gelächter aus. Fabian ebenfalls. Sein Lachen reißt Mona aus ihren Gedanken. Vom anderen Ende des Sofas schaut er Mona ernst an. „Du verpasst wegen deiner Grübelei noch den ganzen Film“, sagt er.
Da hat er wohl recht, aber wie soll sie sich auf seichte Unterhaltung konzentrieren, wenn ihr mit ihren Followern auch die Einnahmen weg brechen? Ihre Community erwartet Trauer von ihr, Schmerz und einen Hoffnungsschimmer – einen kleinen! Aber keine Lösung, keine Freude, keinen Neubeginn.
Mona erinnert sich zurück. Sie hat immer am meisten Zuspruch für die Videos bekommen, in denen sie sich emotional ausgezogen hat. Wenn sie heulend vor der Kamera saß, wenn ihr die Rotze aus der Nase lief, weil sie mit dem Schnäuzen nicht nachkam, wenn ihre Augen vom Weinen rot waren und ihre Stimme vom Schreien kratzig, dann gab es das größte Engagement. Die meisten Kommentare, die meisten Likes, die meiste Kohle. Freude zieht nicht.
Mona sieht zu Fabian herüber. Er tut ihr gut. Er tut den Kindern gut. Aber eben nicht ihrem Bankkonto. Und wie soll es hier weitergehen, wenn sie auf Social Media kein Geld mehr macht? Was dann? Selbst wenn sie ihren alten Job – nach drei Jahren – wieder bekäme, würde sie nicht genug verdienen, um das Haus halten zu können. Und dann?
Nein, sie muss irgendwie die Kurve kriegen. Glück zieht nicht.
Ich könnte mich von Fabian trennen, schießt es Mona durch den Kopf. Würde das die Leute wieder locken? Herzschmerz durch eine Trennung? Das interessiert ihre Zielgruppe nicht. Das sind trauernde – überwiegend – Frauen, die jemanden suchen, dem es geht wie ihnen. Aber Mona trauert nun mal nicht mehr. Was soll sie denn machen?
Ein Gedanke schießt ihr durch den Kopf. Ein Gedanke, der ihr im ersten Moment zu grausam vorkommt, um ihn überhaupt nur zuzulassen. Doch im zweiten Moment …
Was, wenn Fabian auch etwas zustieße? Wenn sie erneut Witwe würde? Würden die Leute darauf abfahren? Aber er wird wohl nicht einfach so tot umfallen.
Außer … wenn er einen Tropfen Sesamöl abbekäme … dagegen ist er allergisch.
Sie könnte ihn röchelnd auf dem Boden der Küche finden, würde verzweifelt den Krankenwagen rufen. Doch es wäre zu spät.
Das wäre doch mal Content. Oder?