Liebe M.,
Du kennst mich nicht, und wer ich bin, ist für Dich völlig uninteressant. Wichtig ist jedoch, dass Du weißt, dass ich mit dem, was ich Dir in den folgenden Zeilen schreibe, Erfahrung habe.
Es ist mein Beruf, Dinge wie die, die ich Dir im Folgenden vorschlage, umzusetzen.
Was Du von mir lesen wirst sind nichts weiter als Vorschläge. Ich möchte Dich keinesfalls dazu drängen oder überreden, diese umzusetzen.
Ich möchte Dich aber eindringlich bitten, diesen Brief, nachdem Du ihn sorgfältig gelesen hast, zu vernichten. Zu unser beider Sicherheit.
Nun möchte ich erstmal die Gelegenheit nutzen, Dir zum bestandenen Abitur zu gratulieren. Dies ist sicher eine aufregende Zeit für Dich – ein Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt.
Die meisten Deiner Freunde sind wohl froh, die Schule hinter sich zu haben. Aber zufällig weiß ich, dass es Dir nicht so geht.
Woher ich dies – und alles andere über dich – weiß, spielt keine Rolle. Sei versichert, dass alle Informationen, die ich über Dich und Deine Familie habe, bei mir bestens aufgehoben sind. In meinem Beruf bin ich zu Diskretion verpflichtet. Anders geht es nicht.
Ich weiß also, dass Dir der Abschied von der Schule schwer fällt und ich weiß, dass es dabei um Deinen kleinen Bruder geht. Überhaupt bin ich wegen B. auf Dich aufmerksam geworden. Ich saß zufällig eines Morgens im Bus hinter ihm als er zur Schule fuhr und von einigen Jungen gehänselt wurde. Es war wirklich nicht schön anzusehen und ich wäre gerne eingeschritten, das kannst Du mir glauben. Da es in meinem Beruf jedoch zwingend notwendig ist, in der Öffentlichkeit nicht aufzufallen, habe ich mich an diesem Morgen ruhig verhalten, dann aber einige Informationen eingeholt.
Wenn ich die Situation richtig verstehe, leidet Dein Bruder seit mehr als einem Jahr unter einer Gruppe Jungen in seiner Klasse. Als Anführer der Quälerei habe ich F. ausgemacht. Die anderen beiden sind – meiner Beobachtung und der Schulakten nach – lediglich Mitläufer, die ohne F.s Führung Deinem Bruder kein Haar krümmen würden.
Da Dein Bruder nun – ohne Dich in der Schule – der Folter durch diese Jungen schutzlos ausgesetzt sein wird, solltest Du überlegen, das Problem F. komplett aus der Welt zu schaffen.
Solltest Du Deinem Bruder seine Schlachten selbst überlassen wollen, dann lies diesen Brief nicht weiter, vernichte ihn einfach und lenke Dich damit nicht von Deinem bevorstehenden Studium ab. Wenn Du Deinen Bruder aber endgültig von seinen Peinigern befreien willst, dann habe ich hier einen Vorschlag für Dich.
Dem Onlineportal eurer Schule entnehme ich, dass die Klasse Deines Bruders in wenigen Wochen eine Klassenfahrt nach R. am E. unternehmen wird. Das ist die perfekte Gelegenheit, den Plan in die Tat umzusetzen.
Besorge Dir ein altes Handy und eine Prepaid Karte. Schreibe F. per Text an und gib Dich als ein Mädchen aus seiner Klasse oder einer der Parallelklassen aus, die ebenfalls auf die Klassenfahrt fahren. Flirte mit ihm, halte Dich aber, was Deine Identität angeht, bedeckt. Ich bin sicher, dass Du ihn dazu bringen kannst, Interesse an der unbekannten Verehrerin zu entwickeln. Er wird bald um ein Telefonat oder ein Treffen bitten. Vertröste ihn. Schreibe ihm, dass Dein Vater sehr streng sei und Dein Telefon kontrolliere. Du könntest nur Textnachrichten schreiben, ohne dass er es merke. Aber stelle ihm in Aussicht, dass er Gelegenheit haben wird, sich mit Dir unter vier Augen während der Klassenfahrt zu treffen. Stimme ihn darauf ein, dass das ein wunderbares Treffen für ihn wird, wenn er es nur will. Bringe ihn dazu, eine Picknickdecke und eine Falsche Alkohol auf die Klassenfahrt mitzunehmen und schlage ihm ein Treffen in der ersten Nacht vor, die die Klassen in R. sein werden.
Parallel dazu meldest Du Dich mit seinem Namen bei einem Portal an, in dem Taschengeldtreffen verabredet werden. Ich weiß, dass Du Dich damit bestens auskennst.
Wende Dich dort an Männer, die an Taschengeldtreffen mit Jungen in F.s Alter Interesse haben. Suche einen heraus, der in der Nähe von R. lebt oder bereit ist, sich dort mit F. zu treffen. Schicke ihm Fotos von F. und mache ihm den Mund nach dem Jungen wässrig. Schreibe ihm, dass Du bestimmte Fantasien dazu hast, wie das Treffen auszusehen hat. Welcher Art die Rollenspiele sein sollen, überlasse ich Dir. Ich bin sicher, dass Dir etwas Schönes für ihn einfällt.
Außerdem empfehle ich, den Mann aufzufordern, während des Treffens Fotos von Dir zu machen. Weise ihn darauf hin, dass es Dir wichtig ist, Fotos davon zu bekommen. Fordere ihn auf, Dir die Fotos nach dem Treffen zu schicken. Verabrede ein Treffen in der gleichen Nacht und an der gleichen Stelle, an der auch das Picknick von F. mit seiner geheimen Verehrerin stattfinden soll und lasse den Dingen ihren Lauf.
Je nachdem, welche Spezifikationen Du Dir für das Treffen mit dem Mann ausdenkst, wird F. eine Weile brauchen, um über diese Nacht hinwegzukommen. Sollte er trotz dieser Erfahrung nicht aufhören, B. zu quälen, kommen die Fotos ins Spiel, die der Mann Dir bis dahin mit Sicherheit geschickt hat. Es kann wahre Wunder wirken, ein solches Foto auszudrucken und dem Jungen in den Ranzen zu stecken, wenn er es nicht bemerkt.
Du kannst sicher verstehen, warum ich Dich bitten muss, diesen Brief umgehend zu vernichten und mit niemandem darüber zu sprechen.
Ich wünsche Dir und Deinem Bruder von Herzen alles Gute.