Dennis steigt aus dem Auto und geht über den Parkplatz. Es dämmert schon. Gleich ist es Nacht. Der Kragen seiner Uniform sitzt zu eng. Er würde gerne den obersten Knopf aufmachen, aber er will an seinem ersten Arbeitstag möglichst professionell aussehen. Der Knopf bleibt also zu.
Dennis klemmt die Mappe mit seinen Unterlagen unter den Arm und schließt das Auto ab.
Er ist nicht zum ersten Mal hier, aber jetzt – bei Dunkelheit – kommt ihm das Gelände ganz anders vor als bei seinem Vorstellungsgespräch. Größer, irgendwie.
Vielleicht liegt es nur daran, dass er jetzt alleine ist und ausser seinem Auto nur zwei andere hier parken.
Er geht auf den Eingang zu. Self Storage steht da in großen Lettern und etwas kleiner darunter Zugang rund um die Uhr.
Bei seinem Bewerbungsgespräch für den Job als Nachtwächter, hat ihn der Chef vom Sicherheitsdienst herumgeführt und ihm zweimal den Weg vom Eingang zum Büro erklärt. Trotzdem ist Dennis unsicher, als er durch das offene Eingangstor tritt.
Um ihn herum reiht sich Container an Container. Dennis kann gar nichts anderes mehr sehen. Links Container, rechts Container, geradeaus Container. Und alle sehen sie gleich aus. Metallkästen mit einem weißen Rolltor, gesichert mit einer breiten Auswahl an Vorhängeschlössern.
Vom Haupteingang geradeaus, daran erinnert Dennis sich. Also geht er los.
Die Wege zwischen den Containern sind gerade breit genug, um mit einem Hubwagen rangieren zu können. Wenn Dennis die Arme nach links und rechts ausstreckt, kann er fast von einer Seite zur anderen greifen.
Vor ihm teilt sich der Weg. Nun nach rechts und gleich wieder nach links. Die Wege sind nur spärlich beleuchtet. In jedem Gang gibt es nur eine Lampe genau in der Mitte, so dass Anfang und Ende des Weges im Dunkeln bleiben.
An der nächsten Kreuzung biegt Dennis wieder rechts ab und fragt sich, warum man den Container, der das Büro beherbergt, nicht an den Eingang gesetzt hat.
Da sieht er an der nächsten Ecke einen hellen Schimmer. Dort muss es sein. Dennis geht etwas schneller. Auch wenn er es nie zugeben würde, ihm ist unwohl hier. Nicht, dass er Angst hätte, das nicht, aber die Nackenhaare stehen ihm zu Berge, das schon.
Hinter der nächsten Ecke sieht er endlich den einzigen Container hier, der Fenster hat und von allen vier Seiten zugänglich ist. Das ist das Büro und der Aufenthaltsraum für die Nachtwache.
Dennis streicht das Hemd seiner Uniform glatt und klopft an die Tür.
„Herein“, tönt es von drinnen. „Es ist offen.“
Dennis schiebt die Tür auf. Drinnen sitzt ein Mann hinter einem Schreibtisch und liest Zeitung. Er trägt die gleich Uniform wie Dennis: dunkelblaue Hose, dunkelblaues Hemd mit dem gestickten Logo des Self Storage auf der Brusttasche. Auch seinem Gegenüber ist der Kragen zu eng, dabei trägt er mindestens vier Nummern größer als Dennis und ist mindestens doppelt so alt.
„Hey“, sagt Dennis und hebt eine Hand zum Gruß. „Ich bin Dennis. Der Neue.“
Der andere nickt. „Harald.“ Er erhebt sich mühsam, faltet die Zeitung zusammen und legt sie auf die Theke, die ihn von Dennis trennt.
Dennis kann nicht anders, als einen Blick darauf zu werfen, auch wenn er schon weiß, was der Aufmacher ist: der brutale Mord an einem jungen Mann aus der Gegend. In den Medien gibt es seit Tagen kein anderes Thema. Er ist bereits das vierte Opfer in einer Serie an Morden an Studenten.
Unter der reißerischen Headline sind Fotos von Beweismitteln abgedruckt: eine Rolle Klebeband, ein Teppichmesser.
‚Die Polizei tappt weiterhin im Dunkeln‘, liest Dennis. Weil die Zeitung gefaltet ist, kann er nicht den ganzen Artikel sehen. Nur Bruchstücke. ‚Weiterhin kein Hinweis auf den Tatort.‘
„Interessiert dich das?“
Dennis schreckt auf. Harald sieht ihn eindringlich an.
Schnell schüttelt Dennis den Kopf. „Nein, nein“, behauptet er schnell. Dabei sind die Morde auch an der Hochschule das Thema Nummer eins. Unter Dennis’ Kommilitonen breitet sich allmählich die Angst aus, man selbst könnte der nächste sein. Aber Dennis will nicht den Eindruck machen, er hätte Angst. „Eigentlich nicht.“ Es ist sein erster Tag im neuen Job und er will nicht als Creep rüberkommen.
„Nicht?“ Nun sieht Harald überrascht aus. „Ich finde, man muss sich dafür schon interessieren. Ich meine, das passiert ja hier.“ Er deutet vage um sich. „Da muss man doch wissen, was die Bullen so treiben. Und ob es da mal vorwärts geht bei den Ermittlungen. Bist du nicht auch Student?“
Dennis nickt und betrachtet die Bilder über dem Artikel etwas genauer. Silbernes Klebeband. Gelbes Teppichmesser.
„Also.“ Harald schlägt mit der flachen Hand auf die Theke.
Wieder schreckt Dennis zusammen.
Nun legt Harald den Kopf schief und kneift die Augen leicht zusammen. „Und du bist sicher, dass du nicht in der Tagschicht anfangen willst?“
Dennis nickt. „Ich schlafe schlecht.“
„Ah“, macht Harald. „Das kenne ich.“
Harald nimmt Dennis mit auf die erste Kontrollrunde. Dennis ist froh, dass Harald ihm dafür eine Taschenlampe in die Hand gedrückt hat, aber irgendwie hätte er gerne auch das Brecheisen mitgenommen, das im Büro an der Wand hängt – nur zur Sicherheit.
Die Lichtkegel erhellen ihnen den Weg. Schon nach der dritten Kreuzung hat Dennis die Orientierung verloren. Sie könnten die ganze Zeit im Kreis laufen und er würde es nicht merken, denkt er selbst.
„Nicht sonderlich viel los“, sagt Dennis, nur damit es nicht mehr still ist.
Harald zuckt die Achseln. „Wie immer.“
„Kommt nachts nie jemand hierher?“ Das interessiert Dennis eigentlich nicht. Aber warum nicht ein Gespräch führen, anstatt sich zu langweilen?
„Selten“, antwortet Harald. „Eigentlich nie.“
„Gruselig.“
Zurück im Büro kocht Dennis Kaffee. Sich mit der Maschine vertraut zu machen, sei das Wichtigste, behauptet Harald, der sich wieder an den Schreibtisch setzt und Zeitung liest.
„Die Bullen haben immer noch keinen Schimmer“, brummelt er.
„Ist wahrscheinlich auch schwierig, Spuren zu finden, wenn man nicht mal weiß, wo die Männer umgebracht wurden.“
„Die haben halt keine Fantasie“, sagt Harald ernst.
Darüber muss Dennis erstmal nachdenken. Wo würde er denn den Tatort suchen, wenn er Polizist wäre? Kurz muss er über seine eigenen Gedanken lachen. „Hier wäre doch ein guter Platz. Keine Leute, die einen stören könnten. Und nur ein schläfriger Nachtwächter.“
Harald funkelt ihn an und Dennis schluckt. Wieder stellen sich ihm die Nackenhaare auf. Hat er etwas Falsches gesagt? Ist er mit seinem Scherz zu weit gegangen?
„Zwei schläfrige Nachtwächter“, sagt da Harald, deutet erst auf sich, dann auch Dennis und kichert.
Die nächste Kontrollrunde soll Dennis alleine machen. Harald druckt ihm einen Lageplan des Geländes aus und klopft ihm zum Abschied auf die Schulter. „Das packst du schon.“
Mit der Taschenlampe in der Hand nimmt Dennis den gleiche Weg wie zwei Stunden zuvor mit Harald. Nun geht ihm die Stille noch mehr an die Nerven als bei der Runde zuvor.
Er hört nur seinen eigenen Atem und seine Schritte.
Schritte.
Dennis bleibt stehen, hört noch einen Schritt, einen zweiten, dann nur noch Stille. Er sieht sich um, kann aber niemanden entdecken.
Ob Harald ihm nachläuft? Vielleicht will er sehen, ob der Neue tatsächlich die ganze Runde macht oder irgendwo eine Abkürzung nimmt.
Dennis geht weiter und lauscht auf die fremden Schritte. Doch die sind nicht mehr zu hören.
Vielleicht hat er sich das nur eingebildet. Vielleicht hat er nur ein Echo gehört.
Dennis schüttelt den Kopf, als könnte er sich damit selbst überzeugen, dass er sich diesen Unsinn nur eingebildet hat. Da hört er einen dumpfen Knall.
Dennis läuft schneller. Das Geräusch kam von links. Dennis biegt ab und sieht am Ende des Korridors vor sich eine Gestalt am Boden knien. Dunkel Hose, dunkler Kapuzenpulli, mehr kann Dennis nicht erkennen. Neben der Gestalt steht ein Karton am Boden und wer immer da kniet, hebt irgendwelches Zeug vom Boden auf und wirft es in den Karton.
„Harald?“ Bevor Dennis sich bremsen kann, hat er es ausgesprochen.
Die kniende Gestalt erhebt sich, nimmt den Karton und läuft davon.
„Warten Sie!“ Dennis läuft hinter der Gestalt her. Als er die Stelle erreicht, an der der Karton gerade noch gestanden hat, springt ihm etwas ins Auge. Er bleibt stehen und richtet seine Taschenlampe darauf. Vor ihm liegt eine Rolle Klebeband. Silbernes Klebeband.
Atemlos reißt Dennis die Tür zum Büro auf. Harald hat inzwischen die Füße auf den Schreibtisch gelegt, liest aber noch immer Zeitung.
„Hast du diesen Typen gesehen?“, fragt Dennis und greift nach seiner Kaffeetasse. Der Inhalt ist inzwischen kalt, aber Dennis ist es egal.
„Was für ein Typ?“
„Der Typ mit der Kapuze. Er hat das Klebeband verloren.“ Dennis hebt seinen linken Arm, die Rolle Klebeband rutscht von seinem Handgelenk bis zum Ellenbogen.
Harald zuckt nur die Achseln und deutet auf die Theke. „Leg’s da hin. Vielleicht kommt er nochmal vorbei.“ Er wendet sich wieder seiner Zeitung zu.
„Wer ist das denn?“, fragt Dennis, der noch immer nach Luft ringt.
„Wer?“
„Na, der Typ mit der Kapuze?“
Noch ein Achselzucken von Harald. „Keine Ahnung. Ich habe ihn nicht gesehen.“
Dennis legt das Klebeband auf die Theke und schaut es von allen Seiten an. „Findest du das nicht komisch?“
„Was?“
„Dass der hier mitten in der Nacht was in seinen Container packt.“
„Nee. Ich finde das nicht komisch. Wir haben vierundzwanzig Stunden am Tag sieben Tage die Woche geöffnet.“ Für Harald ist das Thema damit offenbar abgeschlossen. Er blättert umständlich eine Seite seiner Zeitung um und vertieft sich in die Lektüre.
Aber Dennis ist unruhig. Vielleicht ist es nur der kalte Kaffee. Vielleicht aber auch …
Ein Schrei.
Dennis und Harald sehen einander an. Dennis schnappt sich seine Taschenlampe und ist schon wieder aus der Tür, bevor Harald die Zeitung weggelegt hat.
Dennis ist sicher, dass der Schrei irgendwo von links kam. Er rennt in diese Richtung.
„Hallo?“ Seine Stimme hallt zwischen den Containern zu ihm zurück. Eine andere Antwort bekommt er nicht. Dennis rennt weiter. Um die nächste Ecke. Um die nächste.
Da sieht er ihn wieder: den Typ mit der Kapuze. Gerade schließt er einen Container ab, dreht sich um und geht davon.
„Warten Sie!“, ruft Dennis, doch der Typ reagiert nicht, geht einfach weiter.
Dennis läuft ihm hinterher, beginnt zu joggen. Da wird auch der Kapuzentyp schneller, rennt schließlich. Dennis verliert an Boden. Er ist noch so erschöpft von seinem letzten Spurt. Hätte er nur seinen Scheiß Kragen aufgemacht. Der Typ verschwindet um die nächste Ecke, nun wird Dennis ihn verlieren. Da sieht er, wie dem Typ etwas aus der Tasche fällt.
Als Dennis die Ecke erreicht, ist der Typ nirgends mehr zu sehen, doch vor seinen Füßen liegt ein gelbes Teppichmesser.
Als Dennis ins Büro zurückkommt, sieht Harald ihm neugierig entgegen. Hat er das Büro überhaupt verlassen?
„Und?“, fragt er.
„Wo warst du?“, fragt Dennis zurück.
„Na, hier.“
„Warum bist du nicht mitgekommen?“
Wieder nur ein Achselzucken. „Ich dachte, du machst das schon.“
Dennis zieht das Teppichmesser aus der Tasche und knallt es auf die Theke. Erst hier, im Neonlicht des Büros, sieht er, dass Blut daran klebt. Dennis geht um die Theke herum, nimmt sich Haralds Zeitung, faltet sie so, dass die Titelseite wieder oben ist und legt sie neben das Klebeband und das Teppichmesser. Beide Gegenstände sehen genau aus, wie die in der Zeitung.
„Und?“ Harald sieht von der Zeitung zu den Gegenständen und dann zu Dennis.
„Und?!?“ Dennis schlägt mit der flachen Hand auf die Zeitung. „Das sind genau die gleichen Sachen.“ Er deutet auf das Messer. „Und da ist Blut dran. Und das hier …“ Er deutet um sich. „Das hier ist der perfekte Ort, um …“
„Das war doch nur ein Scherz.“
Dennis schüttelt den Kopf. „Nachts ist nie jemand hier. Nur du und …“ Dennis verstummt und macht einen Schritt zurück. Ihm kommt ein schrecklicher Gedanke. „Du hast gesagt, dass hier nachts nie jemand ist. Aber dieser Typ … Du musst ihn doch gesehen haben.“
Nun lacht Harald. „Das Gelände ist verdammt groß.“
„Der Typ hat genau deine Größe.“ Das wird Dennis in dem Moment klar, in dem er es ausspricht.
„Was?“
Dennis schnappt sich das Teppichmesser von der Theke, schiebt die Klinge heraus und hält sie Harald entgegen.
Harald hebt abwehrend die Hände. „Jetzt beruhig‘ Dich mal. Das ist doch irre. Es ist gruselig da draußen, okay. Aber Du darfst jetzt nicht durchdrehen. Du denkst doch nicht wirklich, dass ich da draußen umgeschlichen bin. Oder dass ich … Gib mir das Messer.“
Dennis schluckt. Er kennt diesen Mann nicht. Ist er überhaupt der Nachtwächter hier? Hat er vielleicht den richtigen Nachtwächter um die Ecke gebracht, um hier ungestört schalten und walten zu können? Ist er der Mann, den die Polizei sucht, der Angst und Schrecken an der Uni verbreitet?
Harald streckt seine Hand aus, fordert stumm das Messer. Dennis zögert noch einen Moment. Was kann er nur tun? Langsam schiebt er die Klinge zurück in den Griff und legt das Teppichmesser auf die Theke.
Harald nickt zufrieden, beugt sich nach vorne, um das Messer an sich zu nehmen. Im gleichen Moment schnappt Dennis sich seinen Kaffeepott und zertrümmert ihn an Haralds Schädel.
Blaulicht dringt vom Parkplatz bis zum Bürocontainer herüber. Zwei Streifenpolizisten stehen mit Dennis und Harald vor dem Büro. Harald drückt sich ein nasses Handtuch gegen den kopf.
„Sie müssen sich erstmal beruhigen“, sagt der schmalere der beiden Polizisten zu Dennis. „Wir können nicht einfach den Container aufmachen, ohne die Erlaubnis des Mieters.“
Dennis deutet auf Harald. „Er ist der Besitzer.“
Harald winkt ab. „Ich habe hier keinen Container.“
Der schmale Polizist macht eine Geste, die wohl bedeuten soll, dass die Sache damit beendet ist. Für ihn vielleicht, aber nicht für Dennis. „Ich hab gesehen, wo er raus gekommen ist. Ich kann Sie zu dem Container führen.“
Harald seufzt mit den Polizisten im Chor.
„Und Sie sind sicher, dass Sie keine Anzeige erstatten wollen?“, fragt der Schmale Harald.
„Nein. Schon gut.“
Dennis deutet auf Harald. „Das ist doch verdächtig!“
Die Polizisten werfen einander vielsagende Blicke zu. Dann hebt Harald kurz die Hände und macht eine Geste, als wollte er aufgeben. „Von mir aus, schauen wir uns den Container an.“
Dennis geht voran. Die Polizisten und Harald folgen ihm mit etwas Abstand.
„Ist der immer so angespannt?“, fragt der breitere Polizist.
Harald zuckt schon wieder die Achseln. „Keine Ahnung. Ist sein erster Tag heute.“
„Wow!“
„Allerdings.“
Dennis läuft rot an und tut, als hätte er es nicht gehört. Es ist ihm egal. Er weiß, dass er recht hat. Er weiß, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Und er weiß, dass Harald damit zu tun hat.
Als er den Container erreicht, bleibt er stehen und rüttelt an dem Vorhängeschloss, das den Container verschließt. „Das ist er. Mach ihn auf.“
Harald schüttelt den Kopf. „Kann ich nicht. Das ist nicht mein Container. Wie gesagt, ich habe hier keinen Container.“
„Dann hole ich das Brecheisen.“ Hätte er nur früher daran gedacht und es gleich aus dem Büro mitgenommen. Er geht an den Polizisten und an Harald vorbei, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen sind. Doch der Schmale hält ihn zurück.
„Moment mal. Sie können ja nicht einfach …“
„Kann ich Ihnen helfen?“
Alle drehen sich um. Da steht der Typ. Er hat noch immer die Kapuze über den Kopf gezogen. Nun zieht er sie herunter und friemelt sich ein paar Kopfhörer aus den Ohren. Seine linke Hand ist provisorisch verbunden.
„Das ist er!“ Dennis deutet auf den Typ.
„Ich dachte, das bin ich“, mault Harald.
„Er hat das Klebeband verloren und das Messer mit dem Blut. Er hat die Studenten umgebracht!“
Der Typ zieht die Augenbrauen zusammen. „Sie haben mein Tape gefunden?“ Er tastet die Bauchtasche seines Pullis ab, dann seufzt er laut. „Ach, verdammt. Und das Scheiß-Teppichmesser habe ich auch verloren.“ Er hebt seine verbundene Hand etwas an. „Hab mich geschnitten. Ich hab’s ein bißchen eilig. Meine Frau hat mich raus geschmissen und ich dachte, ich räum‘ besser meine Sachen vom Bürgersteig, bevor es wieder anfängt zu regnen.“
Der Schmale nickt. „Das kenne ich.“ Dann wendet er sich Dennis zu. „Wir gehen dann mal.“
Harald und der Typ heben gleichzeitig zum Abschied eine Hand. Wie aus einem Mund sagen sie: „Schönen Abend noch.“
Aber Dennis kann sie nicht gehen lassen. „Aber … der kann Ihnen doch alles erzählen. Wollen Sie nicht wenigstens in den Container schauen?“
Harald, der Unbekannte und die Polizisten tauschen vielsagende Blicke. Einen Moment herrscht eine unangenehme Stille. Dann seufzen die vier.
„Haben Sie was dagegen?“, fragt der Breite.
„Nein. Nein. Gar nicht.“ Mit seiner verletzten Hand klaubt der Typ den Schlüssel aus seiner Tasche. Er braucht drei Anläufe, um den Schlüssel ins Schloss zu bekommen. Er schließt langsam das Schloss auf und zieht das Rolltor nach oben. Dahinter stehen einige Kartons, die offensichtlich in Eile gepackt worden sind. Klamotten ragen aus einigen heraus.
Dennis leuchtet mit seiner Taschenlampe durch den Container. Da ist nichts Auffälliges. Nichts!
Der Schmale klopft Dennis auf die Schulter. „Der Job ist vielleicht nicht das Richtige für Sie.“
„Gute Nacht“, wünscht der Breite.
Eine einsame Taschenlampe erleuchtet den Weg zwischen den Containern. Nun geht Harald wieder alleine über das Gelände und bemerkt nicht die Gestalt im Kapuzenpulli, die sich von hinten an ihn heranschleicht. Immer näher kommt. Ihn erreicht. Ihm die Hand auf die Schulter legt.
Harald fährt herum. „Ich habe mich zu Tode erschreckt.“
Der Typ lacht. „Sorry.“
„Schon gut.“
„Wie geht’s dem Kollegen?“, will der Typ wissen und schlendert wie selbstverständlich neben Harald her.
„Wieder auf Jobsuche“, sagt Harald.
„War wohl ein bißchen überspannt.“
„Kann man wohl sagen.“
Sie gehen direkt auf den Container des Typen zu. „Die Nachtschicht wieder alleine“, sagt er. „Ist das nicht gruselig?“
Harald lacht. Sie sind am Rolltor des Containers angekommen. Doch der Typ wendet sich dem Container gegenüber zu, öffnet das Schloss.
„Wie geht’s denn eigentlich der Hand?“, fragt Harald da.
Der Typ schnauft verächtlich. „Unglaublich, oder?“ Er schiebt geräuschvoll das Rolltor nach oben. „Das Arschloch hat mich tatsächlich gebissen.“
Harald leuchtet in den Container hinein, darin steht ein Stuhl, auf dem ein junger Mann sitzt, mit Paketklebeband fest an Stuhlbeine und Armlehnen gefesselt und geknebelt. Als das Licht der Taschenlampe auf ihn fällt, beginnt er zu zappeln und dumpf in seinen Knebel zu schreien.
Der Typ sieht Harald an und macht eine einladende Geste. Sie treten in den Container.
„Was hältst du davon, wenn wir uns als nächstes deinen Ex-Kollegen vornehmen?“
Dann ziehen sie das Rolltor hinter sich zu.