+++ Automatische Transkription +++ Risikobewertungsstelle Hessen Nord IV +++ Gespräch zwischen Sachbearbeiter R. Leihmann und Subjekt C. Merton +++ 21.06.2029 8:10 Uhr +++
L: Setzen Sie sich doch?
A: Wird das lange dauern? Ich muss zur Arbeit.
L: Das kommt darauf an.
A: Aha. Und worauf?
L: Warum sind Sie denn hier?
A: Ich habe einen Brief von Ihnen bekommen, dass ich mich heute hier melden soll wegen meines Risikofaktors.
L: Dann schauen wir doch mal. tippen Ah. Ja. Ihr Risikofaktor ist vor drei Tagen um neun Punkte gestiegen. Von vormals 62 auf aktuell 71 Punkte.
A: Warum denn das?
L: Lassen Sie uns mal nachschauen … Ah. Beziehungsprobleme.
A: Aber ich habe keine Beziehungsprobleme.
L: Oh. Nicht?
A: Nein.
L: Hm. Da muss ich mal nachschauen, warum das im System so hinterlegt ist. tippen Also … Die Informationen kommen von der Auswertung von Arbeitgeberdaten.
A: Aber ich rede bei der Arbeit nicht über meine Beziehung.
L: Nein, nein. Das sind Daten vom Arbeitgeber Ihrer Freundin. Audioaufnahmen, um genau zu sein. Ihre Freundin hat am Montag um 18 Uhr 25 einem Arbeitskollegen ihre Liebe gestanden. Aufgezeichnet von einem KI Assistenten im gemeinsamen Büro. Das wertet das System sofort als Beziehungsproblem bei den jeweiligen betrogenen Partnern. Daher also der Sprung in Ihrer Risikobewertung.
A: Bei der Arbeit? … Das ist bestimmt Max. Stimmt’s?
L: Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.
A: Aber … Davon wußte ich doch bis eben gar nichts. Wie kann das dann meine Risikobewertung beeinflussen?
L: Statistisch gesehen ist es nur eine Frage der Zeit, bis Ihre Freundin Ihnen beichtet, sich trennt oder Sie das herausfinden.
A: Aber … unverständlich
L: Da lässt sich leider nichts machen. Sie sind jetzt bei 71 Punkten. Wenn Sie 75 erreichen, dann drohen Ihnen Maßnahmen. Das wissen Sie?
A: Nein. Was denn für Maßnahmen?
L: Bei einem Risikofaktor von 75 Punkten oder mehr gelten Sie als Gefährder. Sollten Sie länger als zwei Monate bei dieser Punktzahl verharren oder diese noch steigern, droht Ihnen prophylaktische Sicherheitsverwahrung. Das kann sich sehr positiv auf ein Subjekt auswirken. Ich habe hier irgendwo eine Broschüre dazu. Da können Sie ja mal reinschauen.
A: Aber … Ich habe doch gar nichts gemacht. Ich verstehe gar nicht, warum ein Faktor so hoch ist.
L: Oh. Also eine Klärung ihres Kontos bei der Risikobewertungsstelle, die müssen Sie schriftlich beantragen. Das schicken wir Ihnen dann zu. Da steht genau drin, wie Sie diese ganzen Punkte angesammelt haben. Ich kann jetzt nur mal so grob drauf schauen. Einen Moment. tippen Ihren ersten Eintrag habe ich hier aus dem Jahr 1998.
A: Da bin ich doch gerade erst geboren!
L: Hm. Haben Sie einen Migrationshintergrund?
A: Was?
L: Ah. Hier steht’s. Ihre Mutter ist ein Einwandererkind.
A: Und dafür bekomme ich gleich Risikopunkte?
L: Dafür und weil Sie als Junge geboren sind und Einzelkind. Das waren dann schon Ihre ersten fünfzehn Punkte.
A: Aber …
L: Und Ihre Mutter war alleinerziehend. Das sind nochmal fünf Punkte. Da habe ich leider keinen Einfluss drauf. Das ist so festgelegt. Wir schauen mal weiter … Sie haben in 2020 einen Haufen Punkte dazubekommen, weil Sie ganz plötzlich ihren Job verloren haben.
A: Wegen Corona.
L: Ja, da haben viele Leute Punkte bei uns bekommen. Aber ich sehe hier, dass Sie im gleichen Jahr auch drei Monate mit der Miete im Rückstand waren. Das hat uns Ihr Vermieter gemeldet. Solche Dinge nehmen wir sehr ernst. Dafür haben Sie neun Punkte bekommen.
A: Neun? Aber … Da hatte ich wegen Corona doch meinen Job verloren. Und außerdem habe ich die Miete nachbezahlt.
L: Hm. tippen Das wurde uns gar nicht gemeldet. Das kann ich hier vormerken, aber das muss ich erst prüfen lassen. Dann werden Ihnen bis zu vier Punkte gutgeschrieben.
A: Nur vier?
L: Das wird gleich mit den Punkten verrechnet, die Sie bekommen, weil Sie so unzuverlässig sind.
A: Wie kommen Sie denn darauf?
L: Naja. Hätten Sie die Nachzahlung der Miete sofort bei uns gemeldet und nachvollziehbar begründet, warum Sie die Miete nicht rechtzeitig bezahlen konnten, dann hätten wir Ihnen die volle Punktzahl gutgeschrieben. So bekommen Sie die Punkte zwar wieder gutgeschrieben, aber die verspätete Meldung wird Ihnen als mangelnder Kooperationswille uns gegenüber angelastet. Dafür bekommen Sie dann wieder Punkte.
A: Das macht doch gar keinen Sinn. Ich habe ja gar nicht gewußt, wofür ich diese Scheiß-Risikopunkte bekomme. Sonst hätte ich schon viel früher was gesagt.
pling
L: Oh. Jetzt kommt gerade die nächste Notification für Ihre Akte. Sie haben nochmal fünf Risikopunkte bekommen. Jetzt sind Sie schon bei 76.
A: Was? Warum?
L: Lassen Sie mich kurz in die Notification schauen. lacht Sie sind in Anwesenheit eines Staatsbeamten ausfällig geworden. Das war gerade eben. Weil Sie Scheiß gesagt haben. In einem aggressiven Ton. Das gibt fünf Punkte.
A: Und das finden Sie witzig?!?
L: Sie sollten sich erstens wieder setzen und zweitens beruhigen. Sonst sammeln Sie heute noch mehr Punkte zusammen.
A: seufzt
L: Lassen Sie uns einfach gemeinsam überlegen, wie Sie die Punkte wieder abbauen können. Ich sehe hier, dass für Sie zwar ein Schulabschluss hinterlegt ist, aber kein Abschluss einer Berufsausbildung.
A: Ich studiere noch.
L: Das ist doch super. Sobald Sie da eine Abschlussbescheinigung haben, reichen Sie die ein und dann werden Ihnen zehn Punkte gutgeschrieben. Sie studieren nicht zufällig was mit Finanzen? Oder auf Lehramt? Vielleicht Medizin?
A: Nein. Ich bin an der Kunsthochschule.
L: Oh. Vielleicht machen Sie dann lieber doch einen von unseren Kursen. Nächstes Wochenende findet einer statt. Das sind zweieinhalb Tage Anti-Aggressionstraining, Meditation und Achtsamkeit. Das wären gleich drei Punkte weniger.
A: Nur drei? Für ein ganzes Wochenende?
L: Das hätten Sie sich halt vorher überlegen müssen, bevor Sie so viele Risikopunkte angesammelt haben.
A: Wie denn? Hätte ich mir eine andere Mutter aussuchen sollen? Oder die Pandemie verhindern? Oder eine Freundin finden, die mich nicht betrügt?
L: Zum Beispiel.
A: Sie können mich mal!
pling
L: Oh. Da kommt schon die nächste Notification für Ihre Akte. Ich fürchte, dass Sie jetzt keine Wahl mehr haben. Jetzt sind Sie schon bei 80 Risikopunkten. Da verständigt das System automatisch die Sicherheitsbehörden.
A: Was?
L: Da kann ich leider gar nichts mehr für Sie tun. Jetzt kommen Sie erst mal in die prophylaktische Sicherheitsverwahrung. Ich denke, das ist das Beste für Sie. Und wenn Sie sich gut benehmen und überall fleißig mitmachen, dann sind Sie in zwei bis drei Wochen auch schon wieder draußen.
A: Zwei bis drei Wochen? Aber wenn ich solange nicht zur Arbeit komme, schmeißen die mich raus.
L: Das wäre nicht so gut. Ihnen ist ja schonmal der Job gekündigt worden. Wenn das wieder passiert … ui. Das gibt einiges an Punkten.
A: Dann sperren Sie mich halt nicht ein!
L: Mir sind da die Hände gebunden. Wie gesagt, die Kollegen sind vermutlich schon auf dem Weg. Ihren Risikofaktor nach unten zu bringen, können Sie so kurzfristig sowieso nicht. Außer …
A: Außer?
L: Sie haben nicht zufällig Informationen über andere Leute, die deren Risikofaktor beeinträchtigen könnten?
+++ Transkription Ende +++